Die Zukunft kommt nicht. Wir gestalten sie!

Neues fasziniert, Neues weckt Ängste. Futurologe Max Thinius erklärt, wie Zukunft funktioniert, warum wir manchmal Panik haben, aber nicht haben müssen, und wer unsere Zukunft eigentlich gestaltet. Und er zeigt, dass die digitale Revolution uns doch nicht überrollen wird, sondern prospektive Chancen für uns alle darin liegen.

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DATUM_26. Juni 2020

FOTOGRAFIE_ HENDRIK HAASE

Die Zukunft ist positiv. Warum? Weil wir Menschen nie versuchen würden, sie negativ zu entwickeln. Zu dieser Wahrheit gehört aber auch die Erkenntnis, dass Zukunft selten gradlinig verläuft. Es gibt Einschnitte, zum Teil drastische. Die sich plötzlich ausbreitende Corona-Pandemie ist ein solch drastisches Ereignis.

Wir machen dann, wie in den meisten Krisen, einen einfachen Fehler: Wenn wir uns unser Leben als großes weißes Blatt vorstellen, dann konzentrieren wir uns auf den einen schwarzen Punkt in der Mitte, das Corona-Problem. Dabei können wir an Corona nichts ändern. Wir können uns informieren, schützen, aber nichts ändern! Ändern können wir allerdings die ganzen weißen Punkte drum herum. Und das sind viele. Damit können wir in jedem Moment unseres Lebens die Zukunft neu gestalten. So lernen wir dann zum Beispiel den Einsatz von Video-Telefonie für private oder berufliche Treffen, entwickeln neue digitale Vertriebswege und Geschäftsmodelle. Wenn wir das richtig angehen, kann so eine Krise ein echter Booster sein, um unsere Zukunft zu entwickeln.

Neues erzeugt Unsicherheit

Eine neue Technologie führt naturgemäß zu Umbrüchen in Wirtschaft, Gesellschaft und vor allem spürbar in unserem Alltag. Selten funktioniert eine neue Technologie von Anfang an perfekt. Sie steckt noch in den Kinderschuhen und zeigt ihre Tücken. Dazu kommt unsere Unkenntnis. Beides in Kombination schürt „falsche Ängste“ wie: Roboter nehmen uns die Arbeit weg, wir verlieren die Kontrolle über wichtige Entscheidungen, meine Daten sind nicht sicher und werden missbraucht. Die Folge: Widerstand gegen das Neue macht sich breit.

Die wenigsten Menschen können erklären, was ein Algorithmus ist. Dennoch hegen sie eine starke Abneigung dagegen: viel zu technisch, unmenschlich und vor allem unsicher. Die Angst vor Algorithmen wie auch der Digitalisierung allgemein ist verständlich, sie wird der neuen Technologie an sich aber nicht gerecht. Als Autos eingeführt wurden, passierten zunächst viele Unfälle. Aber nur, weil weder der Fahrer noch der Passant genau wussten, wie damit umzugehen ist. Erst mit Verkehrsregeln wurde die neue Technologie sicher. Und genau das fehlt auf vielen Ebenen: ein Regelwerk für digitale Technologien, das auf digitale (und nicht industrielle) Möglichkeiten und Strukturen ausgelegt ist. Und so sind Algorithmen auch nicht per se gefährlich. Im Gegenteil. Algorithmen können unser Leben verbessern und tun das auch schon: Navigationssysteme, Spracherkennung, Ampelschaltungen, Herzschrittmacher, das Erkennen von Krankheiten, die Suche nach dem optimalen Hotel. Es wäre nur eben besser, wenn wir das dazu passende Regelwerk schon auf digitale Strukturen ausgelegt hätten. Aber das kriegen wir in den nächsten Jahren hin. Eine Krise wie Corona beschleunigt einen solchen Prozess übrigens ungemein.

Futurologie macht die Zukunft sichtbar

Woher also rührt die Angst vor der Zukunft? Der Grund ist, dass den Menschen oft die Ideen und Ziele fehlen. Sie sehen nicht, was möglich ist. Genau hier setzt die Futurologie an. Die Aufgabe eines Futurologen besteht darin, den Menschen die Zukunft sichtbar zu machen. Wir tun das, indem wir Studien, Daten und wissenschaftliche Arbeiten zusammentragen und daraus Szenarien entwickeln. Die wichtigste Erkenntnis ist: Die Zukunft kommt nicht. Wir gestalten sie!

 

»Die Zukunft ist positiv.«

MAX THINIUS, FUTUROLOGE

 

In einer digitalen Welt werden die Kleinen groß

In einer digitalen Welt steht auch den Kleinen die Welt offen. Das Brauhaus „Mikkeller“ aus Dänemark macht es vor. Früher brauchte man, um gutes Bier zu brauen, eine große und millionenteure industrielle Brauanlage. Heute reicht ein „Set“ für 350 €, inklusive Kessel, Software und der ersten Zutaten, und das Bier wird, da durch Algorithmen gesteuert, bereits im ersten Versuch besser. „Mikkeller“ hat deshalb gesagt: „Verkaufen wir doch einfach das Bier, das unsere Nachbarn zu Hause brauen. Da haben wir zudem eine größere Auswahl.“ Nach einem ersten Brauhaus folgten zwei weitere. Alle verkaufen unterschiedliche Biere. Jetzt ist das Ziel, 120 Brauhäuser in Europa zu eröffnen. In 45 Länder wird bereits geliefert. Und das Schöne daran ist, dass von diesem Erfolg nicht nur eine große Brauerei profitiert, sondern die jeweils vor Ort ansässigen kleinen und mittleren Betriebe. Und das nur, weil man hier auf die digitalen Möglichkeiten gesetzt hat – statt zu versuchen, eine neue große Brauerei zu gründen.

 

Es braucht ein neues Mindset

Technologisch betrachtet ist der Schritt in die Zukunft kein großer. Aber das Mindset in unseren Köpfen muss sich wandeln. In der Agrargesellschaft hätte man zwei Pferde vors Auto gespannt und sich gewundert, wieso die Karre nicht schneller fährt. Es brauchte also erst das industrielle Denken, um die Vorteile eines Autos nutzen zu können. Nun heißt es, sich von industriellem Denken zu lösen und sich in eine digitale Welt zu begeben. In einer industriellen Welt gibt es wenige Große, die über Produktionsstandorte und Datenzentralen verfügen. Digitale Technologien hingegen fördern den Demokratisierungsprozess und sorgen für mehr Gleichberechtigung. In Zukunft hat jeder Einzelne Zugriff auf seine Daten. Er stellt sie bei Bedarf und nur begrenzt einem Dienstleister zur Verfügung. Clevere Unternehmen bieten Firmenkunden und Verbrauchern sichere Datenräume an und wenn gewünscht darüber hinaus Dienstleistungen, wie zum Beispiel die maßgeschneiderte Finanzplanung zur Lebensgestaltung oder eine perfekte Liquiditätsberechnung für Unternehmen auf Basis der zur Verfügung gestellten Parameter. Sicherheit, Schutz der Daten und Vertrauen auf Gegenseitigkeit bestimmen, wem wir unsere Daten anvertrauen.

Max Thinius
 

ist Bestsellerautor, Moderator und Futurologe. Futurologen entwerfen Modelle und Szenarien für die Zukunft. Sie lösen sich dazu von rein wissenschaftlichen Vorhersagen, mit denen man Trends nur statistisch fortschreiben kann. Futurologen denken abstrakter und beziehen diverse Parameter mit ein. Thinius forscht und arbeitet zu Themen wie Digitalisierung, gesell- schaftliche Entwicklung, Handel, Politik und Bildung. Sein Appell: Damit wir die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen können, müssen wir anders denken lernen.

Keine Angst vor der Zukunft

In einer digitalen Welt braucht es andere Kompetenzen als in einer industriellen. Die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen zählt sicherlich zu den Kernkompetenzen in der Digitalisierung. Bislang basiert unser Bildungssystem auf einem Schulund Studienabschluss. Darauf werden wir uns in einer digitalen Welt nicht ausruhen können. Damit wir die Möglichkeiten, die sich auftun, auch optimal nutzen, müssen wir uns fortbilden. Die Millennials und jüngere Generationen machen es uns vor. Niemand braucht Angst zu haben. Denn auch wenn Elon Musk bereits am Hyperloop, einer Art Rohrpost für Menschen, arbeitet oder wir in Zukunft Videokonferenzen mit Hologrammen, also einer 3D-Projektion unserer Gesprächspartner, führen werden – das alles geschieht nicht von heute auf morgen. Eine Technologie entwickelt sich nur so weit, wie sie vom Menschen gewollt ist und eine Gesellschaft es zulässt. Und wenn der Strom ausfällt? Dann haben wir im industriellen System Chaos. In einer digitalen Welt gibt es keinen Stromausfall. Denn jeder von uns produziert über ein eigenes Solarpanel seinen Strom und kann sich im Falle des Falles über sein Netzwerk behelfen. Und so kommen in einer digitalen Welt alte Werte wieder zum Tragen: einer für alle, alle für einen.

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