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In der modernen Welt sind analytische Verfahren für Einschätzungen und Prognosen unverzichtbar, ob in der Kreditwirtschaft, den Wissenschaften oder bei Versicherungen. Auch in der Medizin gibt es solche Scorings – und das beginnt schon mit der Geburt.

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ILLUSTRATION_ Anna Alexander

Ein guter Start ins Leben

Fragt man Professor Dr. Michael Abou-Dakn, was einen perfekten Start ins Leben ausmacht, seufzt der Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph Krankenhaus in Berlin kurz auf und antwortet dann lächelnd: „Das ist eine wirklich große Frage! Ich hoffe, Sie haben etwas Zeit für die Antwort mitgebracht?“ Ja, haben wir – denn schließlich muss der 54-Jährige es ja wissen: Tausende von Geburten hat der Gynäkologe gesehen, erlebt und begleitet. Seit drei Jahren ist das St. Joseph Krankenhaus die geburtenstärkste Klinik in Deutschland. Sie haben das Wort, Herr Abou-Dakn:

Haben Sie schon einmal von Virginia Apgar gehört? Vermutlich nicht. Wir Gynäkologen hingegen kennen den Namen sehr gut. Die US-amerikanische Chirurgin und Anästhesistin wirkte seit Ende der 1930er-Jahre an der Columbia University in New York. Sie setzte sich dafür ein, den Zustand eines neugeborenen Kindes systematisch festzustellen, um Krankheits-symptome so rasch wie möglich zu erkennen und zu behandeln. Dieser Ansatz war damals revolutionär! Davor gab es keine einheitliche Vorgehensweise für die Beobachtung und Bewertung der wichtigsten Lebenszeichen von Neugeborenen. Und so entwickelte sie im Jahr 1952 eine einheitliche Klassifikation: den Apgar-Score. Er umfasst fünf Komponenten: Herzfrequenz, Atmung, Reflexe, Muskelaktivität und Hautfarbe. Sie werden jeweils eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt bestimmt, dem Punktewert 0, 1 oder 2 zugeordnet und addiert. Bei Wertungen zwischen 5 und 8 gilt das Neugeborene als gefährdet, bei unter 5 als akut lebensgefährdet. Die maximale Punktzahl ist 10, dann fühlt sich das Kind in der Regel blendend.

 

 

»Die Entwicklung des Apgar-Scores war ein Meilenstein für die Geburtshilfe. Heute muss man ganz verschiedene Aspekte aufzählen, die in ihrer Summe bedeutend sind, wenn es um die Frage nach einem guten Start ins Leben geht.«

PROF. MICHAEL ABOU-DAKN, Gynäkologe

Prof. Michael Abou-Dakn wurde 1961 in Syrien geboren und ist zugleich ein waschechter Berliner. Sein Vater war ein syrischer Industrieller, seine Mutter Berlinerin. Aus politischen Gründen ließ sich die Familie in West-Berlin nieder. Dass er Arzt werden wollte, stand für den Jungen früh fest. Nach dem Abitur studierte er Frauenheilkunde, weil ihn die Vielfalt des Faches anzog. Bereits mit 25 Jahren promovierte er. Seit 2005 ist er Chefarzt am St. Joseph Krankenhaus in Berlin. Abou-Dakn, der in seiner spärlichen Freizeit gerne Klavier und Tennis spielt, hat sich unter anderem intensiv und erfolgreich für die Umsetzung der WHO/UNICEF-Kriterien des „babyfreundlichen Krankenhauses“ in Deutschland eingesetzt.

Das Apgar-Scoring ist für Ärzte Routine

Mit dem Apgar-Score lässt sich gut beschreiben und vergleichen, wie es Kindern direkt nach der Geburt geht. Und ich würde auch sagen, es ist uns Geburtshelfern quasi in Fleisch und Blut übergegangen, den Säugling unter diesen fünf Aspekten anzuschauen. Das geschieht organisch im Prozess der Geburt. Ich habe das Kind im Blick, und wenn es kräftig schreiend, glucksend, strampelnd und mit rosiger Haut bei der Mutter liegt, dann ist das ganz offensichtlich ein Apgar-Score von 10. Umgekehrt, wenn mir irgendetwas nicht gefällt, wenn das Kind zum Beispiel blässlich oder kraftlos wirkt, schauen wir noch einmal ganz genau hin und testen zum Beispiel, wie gut die Reflexe sind. Besonders aussagekräftig ist in meinen Augen der 5-Minuten-Apgar: Wenn dieser unter 7 oder gar 5 liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind später Handicaps, verzögerte Entwicklungen oder Krank­heiten haben wird, leider nicht gering. Jedoch darf man die Prognosekraft des Apgar-Scores auch nicht überbewerten – zumindest, wenn man ihn isoliert betrachtet. Deshalb stellt die Geburtshilfe dem Score weitere Werte zur Seite, zum Beispiel die wichtige Blutgasanalyse aus dem Nabelschnurblut. Sie liefert verlässliche Hinweise, ob das Kind im Zuge der Geburt einen Sauerstoffmangel hatte.

Ein guter Start besteht aus vielen Mosaiksteinen

Die Entwicklung des Apgar-Scores war ein Meilenstein für die Geburtshilfe. Aber unsere Disziplin lernt nie aus. Und deshalb muss man heute ganz verschiedene Aspekte aufzählen, die in ihrer Summe bedeutend sind, wenn es um die Frage nach einem guten Start ins Leben geht. Im Grunde beginnt es schon lange vor der Geburt. In den vergangenen Jahren haben Mediziner immer besser verstanden, wie wichtig die sogenannte pränatale Phase ist – und die Forschung liefert laufend neue Erkenntnisse. Die Ernährung der Mutter etwa oder Stress, den sie erlebt, kann weitreichende Effekte auf das Kind haben, bis hinein ins Erwachsenenleben, indem etwa die Anfälligkeit für Diabetes zunimmt. Bei der Geburtsbegleitung ist entscheidend, dass das Kind keinerlei Verletzungen oder Schädigungen erfährt. Auch hier hat die Medizin in den vergangenen Jahrzehnten dank neuer diagnostischer und operativer Verfahren viele Fortschritte gemacht.

Das A und O sind Nähe und Bindung

Nach der Geburt sollten Mutter und Kind möglichst wenig von uns Geburtshelfern gestört werden. Medizinische Aktivitäten dürfen nur dann im Vordergrund stehen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Umgekehrt müssen wir alles tun, damit sich Mutter und Kind rasch nahekommen und eine starke Bindung aufbauen können – auch bei Frühgeborenen. Der Haut­kontakt ist für beide elementar! Das Kind erfährt Wärme und Geborgenheit, und die Mutter lernt, auf die Bedürfnisse des Kindes zu reagieren und ihre eigene Unsicherheit zu überwinden. All das sind wiederum wichtige Schritte, um ein problemloses Stillen zu ermöglichen. Vieles spricht dafür, dass die Ernährung durch Muttermilch für die Entwicklung des Kindes extrem wichtig ist, zum Beispiel für die Ausbildung seines Immunsystems.

Ein Wort zum Schluss: Ich werde manchmal gefragt, ob ich Geburten noch als etwas Besonderes erlebe. Die Antwort ist eindeutig: Ja. Ich bin nach wie vor unheimlich stolz auf diese befriedigende Tätigkeit. Für mich gibt es kaum etwas Beglückenderes als die ersten Schreie eines Neugeborenen.

Rechnen für die Zukunft

Anhand bestimmter Parameter berechnen statistische Verfahren die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Ereignisse. Die SCHUFA etwa analysiert Rückzah­lungsquoten und gibt so Vertragspartnern Orientierungshilfe. Die Anwendungsfelder für Scorings sind zahlreich – und überraschend.