Vertrauen 2030

Autonom fahrende Autos, personalisierte Konsumgüter, Telemedizin: Die Digitalisierung revolutioniert zahlreiche Märkte und gewinnt immer mehr Einfluss über unser Leben. Vertrauen indes bleibt entscheidend, wie die folgenden Statements zeigen.

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FOTOGRAFIE_ Uwe Fischer, Georg Roske, Roman Walczyna, Urban Zintel

SEBASTIAN SCHULZ

LEITER RECHTSPOLITIK UND DATENSCHUTZ, BEVH – DER E-COMMERCE VERBAND

Der elektronische Handel verändert unser Kaufverhalten grundlegend. Denn im digitalen Zeitalter suchen wir nach Produkten und Services, nicht mehr nur nach dem einen Händler. Und unsere Loyalität zu ihm ist flüchtig. Früher war es meist anders herum: Aus dem Katalog eines Versandhändlers unseres Vertrauens suchten wir eine Reihe von Produkten aus. Der Händler war mindestens ebenso wichtig wie die Waren selbst. Gewiss, heute spielt der Preis eine sehr wichtige Rolle. Aber im Internet wird es für Händler immer schwieriger, sich durch den Preis von der Konkurrenz abzuheben. Vertrauen hingegen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Es ist die Reputation, mit der sich ein Händler in der digitalen Sphäre von anderen Anbietern unterscheiden kann. Dazu muss er aber auch aktiv werden. Nur ein umfassender und transparenter Umgang mit Datenschutz und -sicherheit, Compliance, Nachhaltigkeit und Servicequalität wird von den Verbrauchern honoriert – heute und noch mehr in Zukunft. Versäumnisse oder Inkonsequenzen dagegen werden abgestraft. Und bekanntlich vergisst das Netz so gut wie nichts.

DR. WERNER HUBER

LEITER FORSCHUNGSGRUPPE FAHRERASSISTENZ UND PERZEPTION, BMW GROUP

Wir stehen vor einem Paradigmensprung. Seit dem Antiblockiersystem (ABS) übernehmen Assistenzsysteme Teile der Fahraufgabe, aber bisher ist der Fahrer zu jeder Zeit Herr über das System. Künftig werden Autos dagegen Entscheidungen treffen. Das stellt hohe Anforderungen an die digitale Technik. Sensoren, Datenverarbeitung, Entscheidungsalgorithmen: Jedes Glied der Kette muss sehr, sehr zuverlässig funktionieren. Nur dann werden der Kunde und die Gesellschaft eine solche Technologie akzeptieren. Auch müssen wir schrittweise vorgehen und die Technologie für den Kunden verständlich weiterentwickeln. Erfahrungsgemäß erwarten Kunden Innovation, aber in verdaubaren Schritten. Heute können Sie einen BMW kaufen, der allein in die Garage fährt. In fünf Jahren werden erste Autos die Verantwortung des Fahrens komplett übernehmen – zunächst zum Beispiel im Stau auf der Autobahn oder einem Vordermann folgend. Endet diese Situation, ruft das Fahrzeug den Fahrer in die Verantwortung zurück. Wir üben also und lernen, erweitern allmählich die Funktionsgrenzen, und das Vertrauen kann Schritt für Schritt mitwachsen.

DR. NATALIE PARVIS-TREVISANY

HEAD OF BUSINESS DEVELOPMENT AND INNOVATION, PRICEWATERHOUSECOOPERS

Lange Zeit waren Bargeld und Kreditkarten die dominanten Zahlungsmittel im stationären Handel. Nun übernimmt das Smartphone diese Rolle. Nicht von heute auf morgen, eher schrittweise. Aber doch sehr zielstrebig. Im Jahr 2030 wird es einen dominanten Anteil an Bezahlvorgängen haben. Dabei gibt es jedoch einen entscheidenden Dreh- und Angelpunkt: das Vertrauen der Konsumenten in den Schutz und die Sicherheit ihrer Zahlungsdaten. Das belegen im Übrigen auch unsere aktuellen Befragungen zu dem Thema. Wenn es gelingt, dieses Vertrauen zu erzeugen und zu erhalten, wird das mobile Bezahlen via Smartphone viele Freunde finden. Allerlei sinnvolle, ergänzende Prozesse sind dann denkbar: Gutschriften- und Bonus-Programme etwa werden sich nahtloser denn je in den Kaufvorgang integrieren lassen, weil alle Daten in digitaler Form vorliegen. Kontoinformationen werden uns in Echtzeit angezeigt, so dass wir sofort sehen, ob oder unter welchen Kredit-Bedingungen wir uns ein Produkt leisten können. Und schließlich können wir mit wenigen Klicks unser Ausgabeverhalten analysieren und es in unsere nächste Kaufentscheidung einbinden – sofern wir dies denn wollen.

DR. FRANZ BARTMANN

CHIRURG UND TELEMATIK-EXPERTE DER BUNDESÄRZTEKAMMER

Der amerikanische Arzt und Autor Eric Topol veröffentlichte jüngst ein Buch mit dem Titel „The Patient Will See You Now“ („Der Patient erwartet Sie jetzt“). Er beschreibt darin eine Rollenumkehr, die sich durch die Digitalisierung in der Medizin derzeit vollzieht. Die Zeiten, in denen Patienten stundenlang ergeben im Wartezimmer ausharrten, bis der Arzt Zeit für sie hatte, nur um dann hauptsächlich selbst zu reden, gehen zu Ende. Die Patienten werden aktiver und selbstbewusster. Sie informieren sich im Internet über ihre Erkrankungen, erheben mit mobilen Geräten eigene Gesundheitsdaten und wollen die Art der Behandlung frei mitentscheiden. Dieser Trend wird sich verstetigen. Auch der Telemedizin, also dem Arzt-Patient-Kontakt via Datenautobahn, gehört die Zukunft. Dass Fachärzte und Spezialisten nicht in der gleichen Stadt wie ihre Patienten wohnen, wird schon bald nicht mehr ungewöhnlich sein. Warum auch? Physische Nähe ist keine zwingende Voraussetzung für Vertrauen und Empathie – Kompetenz hingegen schon. Und die kann ein fähiger Arzt auch trefflich via Online-Sprechstunde vermitteln.

SVEN GÁBOR JÁNSZKY

ZUKUNFTSFORSCHER, GRÜNDER VON 2B AHEAD THINKTANK

Bei Vertrauen denken wir unwillkürlich an Gefühle. Stimmt ja auch, zum Beispiel innerhalb einer Familie und in einer Liebesbeziehung. Ganz oft geht es bei Vertrauen aber gar nicht um Emotionen, sondern schlicht darum, dass unsere Erwartungen erfüllt werden. Wenn ich als Autofahrer bei Rot vor einer Ampel stehen bleibe, vertraue ich dem Signal und erwarte, dass hinter mir ebenfalls alle stehen bleiben werden. Je verlässlicher derlei Informationen sind, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, und je öfter sie sich wiederholen, umso mehr vertrauen wir dem Informanten. Die digitale Transformation revolutioniert diesen Mechanismus. Ich vermute, dass wir im Jahr 2030 den durch Smartphones generierten Informationen mehr vertrauen werden als den Hinweisen und Empfehlungen der meisten Menschen. In fast allen Lebensbereichen werden wir, gestützt durch Big Data, auf leistungsfähige Soft- und Hardware zurückgreifen, um fundierte und somit vertrauensvolle Informationen für eine Entscheidung zu erhalten. Die digitale Sphäre wird so zu einem mächtigen intelligenten Helfer. Mich stimmt das optimistisch, denn der digitale Wandel wird unser Leben auf diese Weise bequemer und ein bisschen besser machen.

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