Unter Tage

Unsere Epoche hat Berge von Daten angehäuft. Doch welche davon sind wirklich wichtig – und wie bewahren wir sie für die Nachwelt auf? Diese Fragen treiben den Keramiker Martin Kunze um. Für sein Projekt „Memory of Mankind“ hat er ein Trägermedium entwickelt, das darauf eine Antwort gibt: einen keramischen Mikrofilm, tausende Jahre haltbar, gelagert in einer Salzmine im österreichischen Hallstatt.

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FOTOGRAFIE_ Getty Images, Gianmaria Gava, Walter Dedl

DATUM_05. Juni 2018

Wer Martin Kunzes Werkstatt betritt, sieht sofort, was sich aus Keramik alles erschaffen lässt: Vasen, Schalen, edle Kacheln. Einige sind filigran bemalt, manche gröber geformt. Der vordere Bereich der Werkstatt, die mitten in der Altstadt des österreichischen Städtchens Gmunden liegt, dient als Schaufenster für Besucher. Im hinteren Teil lagert der 1,85 Meter große Künstler mit dem roten Vollbart stapelweise das Material, das eine Lebensdauer von mehreren tausend Jahren hat, wie historische Funde beweisen.

MARTIN KUNZE

ist studierter Keramikkünstler. Seit etwa zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem digitalen Vergessen unserer Zeit.

Dieses Wissen brachte Martin Kunze schon vor etwa zehn Jahren ins Grübeln, als er sich zwischen Kunsthandwerk und Familienzeit mit einem seiner Lieblingsthemen beschäftigte: der Digitalisierung. „Es ist unfassbar, wie viele digitale Informationen wir täglich produzieren oder Bilder in soziale Netzwerke laden. Aber was davon ist für uns als Menschheit relevant? Wie viel bleibt dauerhaft bestehen?“, fragte sich der Österreicher und traf damit den Nerv der Zeit. Denn weder Clouds noch Festplatten oder andere digitale Speicher taugen als epochenübergreifende Datensicherung. Kriege können digitale Infrastrukturen auslöschen, Katastrophen unsere Zivilisation vernichten – und mit ihr das Wissen und die Technologien, um die heutigen Speicherformen zu lesen. Doch diese apokalyptischen Szenarien stehen für Kunze nicht im Fokus. Ihm geht es um das maßvolle, das reflektierte Erinnern: „Gesellschaften in der Zukunft sollen außerdem verstehen, wie wir zu Wissen gelangt sind.“ Und er sieht auch, „dass die Serverinfrastruktur einfach enorme Mengen an Geld und Ressourcen verschlingt, wenn wir die Datenflut ständig speichern wollen“.

3.25 Milliarden Fotos teilen Nutzer täglich auf der ganzen Welt über Facebook, WhatsApp Instagram und Snapchat. Tendenz steigend. Quelle: KPCB, Internet Trends 2016

Zwei Speicherverfahren entwickelt

All diese Überlegungen motivierten ihn zu dem Projekt „Memory of Mankind“, kurz MOM. Hinter dem ambitionierten Namen steckt die Idee, ein Abbild unserer Zeit auf Keramiktafeln zu brennen und es unter Tage einzulagern. In Kooperation mit verschiedenen Unternehmen hat der Künstler dazu zwei Verfahren entwickelt. Zum einen beschreibt er in seiner Werkstatt klassische Fliesen per Vierfarbdruck, sodass etwa 50.000 Zeichen oder ein paar Bilder darauf passen. „Für größere Textmengen bedrucken wir extrem dünne, korrosionsbeständige Tafeln aus Spezialkeramik, auf denen etwa die Textmenge von fünf Büchern à 400 Seiten Platz findet“, erklärt Kunze. Im Ofen festgebrannt, sind die Informationen säure-, strahlen- und hitzebeständig bis 1.200 °C.

Unterstützer und Förderer von MOM
 

Seit dem Start des MOM-Projekts im Jahr 2013 hat Martin Kunze ein Netzwerk aus Universitäten und Institutionen aufgebaut, um den Traum eines Weltgedächtnisses zu verwirklichen. Neben der Uni Wien beteiligen sich unter anderem die Linnaeus Universität im schwedischen Kalmar und das Naturhistorische Museum Wien. Außerdem arbeiten die MOM-Experten mit dem Human Document Project zusammen: Die beteiligten Professoren aus Deutschland und den Niederlanden organisieren Konferenzen zur Auswahl der wichtigsten Menschheitsnachlässe. Doch auch Verlage, wie der österreichische Standard, der ZEIT-Verlag oder der britische Guardian wollen ihre Leitartikel einlagern. Um die gesammelten MOM-Tafeln letztendlich auch für fremde Zivilisationen verständlich zu machen, erarbeiten Linguisten ein unterstützendes System von beschrifteten Bildern, das der Sammlung beigefügt wird.

Und auch eine perfekte Lagerstätte für das keramische Gedächtnis gibt es: die älteste Salzmine der Welt im österreichischen Hallstatt. Unweit vom malerischen Hallstätter See gelegen, ist die Mine Teil des UNESCO-Weltkulturerbes und bietet mehrere Vorteile:
„Wir lagern die Platten zwei Kilometer unter der Erde. Bei 8 °C und geringer Luftfeuchte herrschen dort ideale Bedingungen. Zudem ist der Stollen sicher vor Erosionen und Über­flutungen“, erklärt Kunze die Entscheidung. Damit spätere Generationen das Archiv wiederfinden, führen 1.000 spezielle Hinweistafeln vom Eingang in den Stollen. Dazu bekommt jeder MOM-Unterstützer einen Keramiktaler mit einer Lagebeschreibung.

Ein so genannter Token, eine Keramikscheibe, weist den Weg zum Eingang des Archivs.

Jeder schreibt Geschichte

Doch was soll eigentlich in den Berg eingeschlossen werden? „Im Prinzip sind alle Erinnerungen willkommen. MOM ist ein Geschichtsbuch, das jeder Einsender mitschreibt“, erklärt der ansonsten in sich ruhende Kunze begeistert. „Sehr berührend war zum Beispiel die Liebeserklärung einer Schwangeren an ihre Kinder. Einge­sendet haben sie die Kinder selbst.“ Hat Martin Kunze eigentlich Angst vor schlechten Inhalten? „Nein, die Menschen machen sich wirklich Gedanken, was erhalten werden soll. Und außerdem sind private Inhalte als solche gekennzeichnet.“ Wer beim MOM-Projekt mitmacht, bekommt eine Tafel für 350 Euro, inklusive eines Duplikats für zu ­Hause. Dieses Angebot findet weltweit Anhänger. „Wir haben Bestellungen aus Eritrea, Japan oder China“, freut sich Kunze. Aber private Aufzeichnungen sind nur eine von drei Erinnerungskategorien.

»Es ist unfassbar, wie viele digitale Informationen wir täglich produzieren oder Bilder in soziale Netzwerke laden. Aber was davon ist für uns als Menschheit relevant?«

MARTIN KUNZE, Gründer des Projektes „Memory Of Mankind“

Der Künstler bemüht sich vor allem um Informationen von wissenschaftlichen Institutionen und Verlagen: „Nach einigen Jahren des Netzwerkens haben immer mehr Leute Vertrauen in MOM.“ Universitäten, Ministerien oder andere Erinnerungsprojekte wie das niederländische Human Document Project arbeiten mit an MOM (siehe Info-Kasten S. 31). Sie füttern die Keramik-Drucker mit Daten über atomare Endlager, die wichtigsten Bücher weltweit oder historische Schriften. Zusätzlich spricht Kunze mit Europas großen Medienhäusern. Sein Wunsch ist es, deren tägliche Leitartikel automatisiert auf Keramik zu bringen: „Bei El País in Madrid, dem Guardian in London oder der ZEIT in Hamburg bin ich auf großes Interesse gestoßen. Der österreichische Standard ist schon im Boot.“ Die technische Umsetzung ist nur ein Punkt auf einer längeren Liste, die Martin Kunze in den nächsten zehn Jahren noch abarbeiten möchte, bevor er den Stollen schließt. Ganz oben steht das Konservieren von Musik. „Musik hinterlässt tiefe Spuren in unserer Zeit, daher sollten wir sie in die Zukunft retten“, sagt Kunze. Mit Fachleuten der Universität Twente hat er einen Weg gefunden, Audio­dateien auf eine haltbare CD zu brennen; auch ein Videospeicher ist eingeplant, für den es noch etwas Forschungsarbeit braucht. Für beides sucht Kunze Sponsoren. Zur Akquise nutzt der Verfechter der analogen Speicherung dann doch die Stärken des digitalen Zeitalters: „Facebook und Co. sind superpraktisch zum Kommunizieren und Kontaktepflegen. Darüber trage ich die MOM-Idee weiter in die Welt.“

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