Die grosse Freiheit

Was haben sehr junge und ältere Menschen gemeinsam? Sie sind unsere Zukunft. Als Konsumenten wünschen sie sich Qualität und Nachhaltigkeit. Sie spielen die Hauptrolle beim demografischen Wandel. Aktuelle Studien der SCHUFA liefern neue Denkansätze.

____________________

FOTOGRAFIE_ Justin Pumfrey, Fuse

Der demographische Wandel wird spürbar. Früh morgens flitzen Flotten mobiler Altenpfleger durch die Straßen, Begriffe wie ‚Generation 60plus‘ oder ‚Silver Ager‘ lösen das Wort Senioren ab, es entsteht ein 50plus-Markt mit neuen Produkten und Services, die Münchner Messe „Die 66“ verzeichnete im Frühjahr 2013 Besucherrekord und expandiert nach Leipzig. Realität gewordene Statistik: Die Lebenserwartung ist in den letzten 50 Jahren um elf Jahre gestiegen. Frauen werden heute durchschnittlich 83 Jahre alt, Männer 78.

Da die Geburtenzahlen weiter sinken, sehen Pessimisten schwarz für die Zukunft der Deutschen. Viele sehen das anders, denn der demografische Wandel ist die Chance unserer Gesellschaft zur Erneuerung. Seine Gestaltung wird aber nur gelingen, wenn alle staatlichen Ebenen, Wirtschaft, Politik, Sozialpartner und weitere gesellschaftliche Akteure zusammenwirken.

Wegen der wichtigen gesellschaftlichen Bedeutung hat die SCHUFA 2012 den demographischen Wandel zum Thema ihrer jährlichen Studie „SCHUFA Kredit-Kompass“ gemacht und eine große Diskussionsveranstaltung initiiert. Den Kredit-Kompass veröffentlicht die SCHUFA jedes Jahr und beauftragt regelmäßig die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), Umfragen dazu durchzuführen. Er präsentiert Fakten und Trends zur Aufnahme von Konsumentenkrediten, leistet einen objektiven Beitrag zur Diskussion über aktuelle Finanzkultur und Konsumverhalten. Die Ergebnisse spiegeln aber auch die Stimmungslage der Verbraucher wider.

Das Statistische Bundesamt prognostiziert, dass Deutschlands Bevölkerung bis zum Jahr 2060 um bis zu 17 Millionen Menschen zurückgehen kann. 2030 werden bereits fast 37 Prozent 60 Jahre und älter sein, 2060 sogar mehr als 40 Prozent (2010 26,3 Prozent). Entscheidend dabei ist, dass diese Alten anders sind als bisherige Generationen. Sie fühlen sich jünger, aktiver und sind es: Der Gesundheitszustand 70-Jähriger entspricht dem der 63-Jährigen von vor 30 Jahren. Die Erwartungen der 55- bis 70-Jährigen hinsichtlich des eigenen Alterns sind erstaunlich optimistisch. Mehr als 80 Prozent glauben nicht, im Alter einsam zu sein. Die Familie gibt Sicherheit.

»Stand Jugend früher für eine Zeit der Befreiung von Zwängen, überwiegt heute der Wunsch nach Befreiung von Entscheidung und das Bedürfnis nach Authentizität.«

Karsten John, Division Manager Finanzmarktforschung bei der GfK SE

DAS BILD VOM ALTER WIRD SICH ÄNDERN

Das unterscheidet sie von ihren Enkeln. „Familiengründung ist heute eine Option, nicht der Regelfall, die Monopolstellung der traditionellen Familie verschwindet“, sagt Prof. Dr. Norbert F. Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. „Menschen werden heute nicht mehr selbstverständlich Eltern, sondern sie müssen sich bewusst dazu entschließen – und viele tun es nicht.“ Hinzu komme ein Sozialstruktureffekt. „Sich sehr spät für Nachwuchs zu entscheiden, führt zunehmend zu unfreiwilliger Kinderlosigkeit.“ Das bedeute, dass die Zahl älterer Menschen, die keine Kinder und keinen Partner haben, rasch steigen werde. Außerdem fehlen die vielen erwerbstätigen Frauen in der Angehörigenpflege. „Es muss neue Modelle für die Altenbetreuung geben“, so der Bevölkerungsforscher. Ihm ist wichtig, dass sich unser Bild vom Alter ändert. Noch orientiere sich unser Gesellschaftsmodell an einem dreiteiligen Lebenslauf: Ausbildungsphase, Aktivitätsphase und Ruhestand. Obwohl es sich um oft gesunde, ökonomisch gut gestellte, sehr leistungsbereite Menschen handele, „folgt unsere Gesellschaft nach wie vor dem alten Muster, Alter heiße Rückzug und Ausgliederung“, so der Soziologe. Er definiert ein drittes Alter zwischen 60 und 75 Jahren für den Ruhestandsbeginn, ein viertes zwischen 75 und 85 Jahren, wo die Einen noch sehr fit, die Anderen schon sehr eingeschränkt sein können, sowie ein fünftes Alter jenseits von 85. „Ein neues Altersbild würde einen flexiblen, individuellen Ruhestandsbeginn erlauben.“ Wer sich mit 70 noch fit fühlt, möchte vielleicht noch zehn Stunden pro Woche arbeiten, was das derzeitige Rentensystem nicht vorsieht.

Eins steht fest: Alte sind die einzige wachsende Kundengruppeder nächsten Jahre. „Die Seniorenwirtschaft boomt“, sagt Prof. Dr. Gerhard Naegele, Direktor des Instituts für Gerontologie (Wissenschaft vom Altern) an der TU Dortmund. Zur Seniorenwirtschaft gehören nicht nur Gesundheits- und Sozialwirtschaft, sondern auch Dienstleistungen, die zur Erhöhung der Lebensqualität beitragen wie Kultur, Bildung, Freizeit, Tourismus, Sport, Wellness, Technik, die selbstständige Lebensführung ermöglicht, und altersbezogene Finanzdienstleistungen. Ihr Geld investieren 55- bis 70-Jährige in Reisen und alle Facetten des Wohnens und des Gartens. Seit der Finanzkrise 2009 ist eine Rückbesinnung auf die „eigenen vier Wände“ zu beobachten: Einerseits ist der Konsum von Luxus- und Premiumartikeln wie Champagner oder hochwertigen Lebensmitteln enorm gestiegen. Andererseits haben Investitionen in Renovierung und Verschönerung des Zuhauses deutlich zugenommen. Das zeigt die Zahl aufgenommener Kredite. Der Anteil der Personen mit Kredit bei den 60- bis 64-Jährigen erhöhte sich von 10,9 Prozent im Jahr 2002 auf 15,7 Prozent 2012. Bei den über 74-Jährigen verdoppelte sich der Anteil im gleichen Zeitraum. Der Bedarf an Kreditfinanzierungen wird in der Generation 60plus weiter wachsen. Für Neuwagen zum Beispiel, für energetische Sanierungen des Eigenheims und für Umbaumaßnahmen zum altersgerechten Wohnen.

Die neue Generation 60plus fühlt sich jung, ist aktiv und komsumfreudig.

Während Heranwachsende, die so genannten Digital Natives, bevorzugt im Internet kaufen und sich in Communities informieren, schätzen Ältere die persönliche Beratung. Trotzdem hat E-Commerce die Großeltern erreicht. 54 Prozent der 60- bis 64-Jährigen nutzen das Internet zumindest gelegentlich zum Einkaufen. Zwar fehlen dort direkter Dialog und emotionales Einkaufserlebnis. Dafür ist der Kauf im Netz bequemer. Web-Anbieter werden sich in Angebot und Ansprache auf diese neuen Konsumenten einstellen müssen. Sie nutzen moderne Medien, ohne ihre Überzeugung über Bord zu werfen: Erhalt des Bewährten. Schließlich waren sie es, die als junge Familien die ersten „Ölkrisen“ mit autofreien Sonntagen in den Siebziger Jahren und die Geburtsstunde der Umweltschutzbewegung in den Achtzigern erlebten. Diese Generation handelte oft schon nachhaltig, als es das Wort noch nicht in aller Munde gab.„Dies äußert sich im Wunsch nach frischen Bio-Lebensmitteln, vertrauensvollen Produkten aus der Region und auch Vertrauen in das Unternehmen, bei dem sie kaufen“, so Karsten John, Division Manager Finanzmarktforschung bei der GfK SE.

Darin ist die ältere Generation der jungen ganz nah. Wobei die Gründe unterschiedlich sind, wie die Ergebnisse der GfK-Studie im Rahmen des SCHUFA Kredit-Kompasses 2013 zeigen. Viele Jugendliche und junge Erwachsene empfinden ihr Leben als anstrengend. „Wer sich permanent flexibel zeigen und Selbstvermarktung als zentrale Fähigkeit für beruflichen Erfolg mitbringen muss, braucht Ausgleich im Privatleben“, erklärt John. „Doch durch Social Media wird auch das Private zur offenen Bühne, auf der man sich darstellen und mitspielen muss.“ Stand Jugend früher für eine Zeit der Befreiung von Zwängen, „überwiegen heute der Wunsch nach Befreiung von ständiger Entscheidung und das Bedürfnis nach Authentizität.“ Das zeige sich bereits im Kaufverhalten: „Die Jungen geben gesunden, natürlichen und regionalen Alltagsprodukten den Vorzug und orientieren sich stärker an der Qualität als am Preis.“ So sind die Ausgaben für Bioprodukte in der Zielgruppe der 15- bis 24-Jährigen in den vergangenen fünf Jahren um 60 Prozent gestiegen und jene für Naturkosmetik um 22 Prozent.

»Die Monopolstellung der traditionellen Familie verschwindet. Menschen werden heute nicht mehr selbstverständlich Eltern, sondern müssen sich bewusst dazu entschließen – und viele tun es nicht. Daher muss es neue Modelle für die Altenbetreuung geben.«

Prof. Dr. Norbert F. Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden

DIE ZUKUNFT SIND GENERATIONENTANDEMS

Was die über 60-Jährigen auszeichnet, ist ihre Gelassenheit. „Sie nehmen äußere Zwänge weniger wichtig, verfügen über viel Wissen und haben ihr Selbstbild präzisiert“, sagt Prof. Dr. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Diese Generation besitze einen reichen Erfahrungsschatz, hat viel erlebt und sich erarbeitet. „Damit verfügt sie über ein großes Potential an Fähigkeiten, das bislang von Gesellschaft und Politik vernachlässigt wurde.“ Erste positive Ansätze sieht Kruse: Angesichts steigenden Fachkräftemangels beginnen Unternehmen, ältere Mitarbeiter für Spezialaufgaben aus dem Ruhestand zurück zu holen. „Dort trifft in Generationentandems die Innovationsfähigkeit der Jüngeren auf den Wissensfundus der Älteren“, so Gerontologe Kruse. „Wenn es gelingt, diese beiden Aspekte zusammenzuführen, kann der demografische Wandel eine bemerkenswerte Chance bedeuten.“ Wir haben die große Freiheit, diese Chance zu nutzen.

ÄHNLICHE ARTIKEL