Geistreich

Was passiert im Hirn, wenn wir kreativ denken? Und vor allem: Wie können Unternehmen Kreativität fördern, um innovativer zu sein? Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther kennt die Antworten auf diese Fragen und erklärt, welchen Einfluss die Digitalisierung auf unseren Einfallsreichtum hat.

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FOTOGRAFIE_ Shutterstock, Josef Fischnaller

DATUM_28. Juni 2019

Ohne Kreativität keine Innovation. An dieser Erkenntnis gibt es keinen ­Zweifel. „Doch wir haben zu unter­scheiden zwischen linearen Innovationen und sogenannten Break-through-Innovationen, also bahnbrechenden Neuerungen“, so Prof. Dr. Gerald Hüther. Die Erfindung von Fenstern beim Hausbau ist so eine echte Innovation. Alle Folgeschritte, etwa doppeltes Glas, runde oder viereckige Fenster, sind nur lineare Verbesserungen. Dafür ist keine Kreativität nötig, sondern reine Kombinatorik: Unser Hirn nimmt vorhandene Bausteine aus Wissen
und Erfahrungen, setzt sie anhand einer Zielvorstellung neu zusammen oder fügt etwas hinzu. Auch moderne Computer arbeiten nach diesem Prinzip, etwa beim sogenannten maschinellen Lernen.

Echte Kreativität funktioniert neurowissenschaftlich anders. Sie unterscheidet uns Menschen von Rechnern. „Wenn wir kreativ sind, dann befinden wir uns in einem Zustand, in dem möglichst viele Areale im Gehirn gleichzeitig aktiv sind, ohne ein klares Ziel zu verfolgen. Im Idealfall verknüpfen sich zufällig Gedächtnis- und Wissensinhalte, die normalerweise nicht zusammenfinden. Das Hirn spielt sozusagen“, erklärt Hüther. Kinder sind die größten Ideenschöpfer, weil sie noch wenige vorgefertigte Lösungen im Kopf haben. Im Verlauf des Lebens nehmen Erziehung und Bildung Einfluss auf unsere Denkprozesse und damit auch auf unsere Kreativität. Dieser Prozess des Menschwerdens wird heutzutage stärker durch die Digitalisierung begleitet. Welchen Einfluss hat sie eigentlich auf unsere Schaffenskraft? „Dadurch, dass alles Wissen heutzutage im Netz verfügbar ist, merken wir uns weniger Dinge. Diese Informationen fehlen dem Gehirn dann in seinem Kreativitätsprozess. Andererseits ermöglicht die Digitalisierung eine nie dagewesene Vernetzung von Menschen und Wissen über Hierarchieebenen und Ländergrenzen hinweg.“

Prof. Dr. Gerald Hüther
 

zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Er schreibt Sachbücher, hält Vorträge, organisiert Kongresse, arbeitet als Berater für Politiker und Unternehmer und ist h

Unternehmen können diese Erkenntnisse des Neurobiologen für sich nutzen: „Wir müssen lernen, dass bahnbrechende Einzelkreation kaum noch möglich ist. Nur Co-Kreativität schafft echte Innovationen.“ Als Berater hilft Hüther Unternehmen dabei, Teams zu bilden, in denen möglichst unterschiedliche Leute sich – ähnlich den Arealen im Hirn – miteinander verschalten. Voraussetzung hierfür ist eine Kultur, in der Mitarbeiter spielerisch nach Lösungen suchen können, am besten nicht nur in kurzen Workshops. Sondern permanent. Start-ups sind dafür ein Erfolgsbeispiel, auch weil sie das Befriedigen echter Bedürf­nisse als Zielvorgabe nutzen. Diesem Ziel können sich Menschen vor allem im Team leichter kreativ nähern. Dafür brauche es laut Gerald Hüther allerdings bedingungsloses Vertrauen unter den Mitarbeitern, was in einer durch Wettbewerb dominierten Gesellschaft ein Umdenken erfordert. Die junge Generation macht vor, wie das geht. Hierarchiedenken kennt sie nicht. Junge Menschen sehen sich als starke Individuen in einer Gemeinschaft. „Diese Entfaltung des co-kreativen Potenzials halte ich für eine der wichtigsten Aufgaben des 21. Jahr­hunderts.“

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