Aufbruch

Digitalisierung und demografischer Wandel verändern die Welt in rasender Geschwindigkeit. Die Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeit diskutiert der SCHUFA-Vorstandsvorsitzende Dr. Michael Freytag mit dem Zukunftsforscher Professor Dr. Horst W. Opaschowski.

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FOTOGRAFIE_ Matthias Haslauer

»Die Flut der durch das Internet vermittelten Informationen ist immens und schwer zu beherrschen. Umso wichtiger ist es für jeden einzelnen, sich um seine Daten zu kümmern.«

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI, Zukunftsforscher

DR. MICHAEL FREYTAG_ Herr Opaschowski, die Digitalisierung gilt vielen als eine der folgenreichsten Entwicklungen des 21. Jahrhunderts. Teilen Sie diese Einschätzung?

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI_ Die Digitalisierung durchdringt bereits heute viele Bereiche unseres Lebens, und das wird sich noch verstärken. In der Welt von morgen wird es digitale Butler, Nachbarn, Freunde und Ärzte geben. Und ich sehe die Gefahr, dass dann mehr mit digitalen Helfern als mit echten Menschen kommuniziert wird. Die neue digitale Freiheit kann durchaus zur digitalen Fessel werden. Man sollte die Digitalisierung weder verteufeln noch idealisieren.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Ich stimme zu. Die Digitalisierung bietet viele Chancen. Sie ist ein mächtiger Treibstoff, der unser Leben verändert. Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten geben auch Konsum und Online-Banking neue Impulse. Das stimuliert die private Nachfrage, die enorm wichtig ist für Deutschlands Wirtschaftskraft. Es darf aber nicht so weit gehen, dass die Digitalisierung die unmittelbare menschliche Kommunikation ersetzt. Wir müssen die Technik beherrschen und nicht die Technik uns.

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI_ Dafür ist es wichtig, dass die Menschen das Vertrauen in die digitale Welt nicht verlieren. Sie müssen das Gefühl behalten, ihrer Herr und nicht ausgeliefert zu sein. Datensicherheit und die persönliche Integrität müssen gewahrt bleiben. Das ist eine große Aufgabe für alle gesellschaftlichen Akteure.

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI
 

ist Zukunftswissenschaftler und Berater. Er war mehr als 30 Jahre Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Von 1979 bis 2010 war er Wissenschaftlicher Leiter der BAT Stiftung für Zukunftsfragen. 2010 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und fünf Enkel. Mit Tochter Irina Pilawa gründete er 2014 das Opaschowski Institut für Zukunftsforschung

DR. MICHAEL FREYTAG_ In der digitalisierten Welt ist Vertrauen ein hohes Gut. Die SCHUFA hat zwei Millionen Privatkunden, mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Die Kunden können ihre Daten einsehen und sich mit unserem Update-Service über aktuelle Änderungen auf dem Laufenden halten. Wir bejahen den Datenschutz ausdrücklich und übersetzen dies in Produkte, die privaten Nutzern helfen, den Überblick über ihre eigenen Daten in öffentlichen Netzen zu behalten und Missbräuche zu erkennen.

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI_ Die Flut der durch das Internet vermittelten Informationen ist immens und schwer zu beherrschen. Umso wichtiger ist es für jeden einzelnen, sich um seine Daten zu kümmern. Wir haben es ja in weiten Teilen selbst in der Hand, welche Informationen wo ins Netz eingespeist werden.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Wenn ich mein berufliches und privates Umfeld betrachte, habe ich den Eindruck, dass die sozialen Beziehungen wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Teilen Sie diese Einschätzung?

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI_ Ja! Die Sozialforschung registriert seit der Jahrtausendwende eine Aufwertung der sozialen Beziehungen, vor allem bei der jüngeren Generation. Man entdeckt Wahlverwandtschaften und soziale Konvois, zum Beispiel in Form von Hausgemeinschaften. Junge Eltern vernetzen sich und unterstützen sich gegenseitig. Eine Art pragmatische Solidarität. Darin sehe ich große Chancen.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Dieser Trend spiegelt sich auch bei der SCHUFA wider. Zum einen gibt es ein breites soziales Engagement der Mitarbeiter. Zum anderen betreiben wir als Unternehmen Projekte, die auf unsere Verantwortung für das Gemeinwohl abzielen. Mit dem Onlineportal „WirtschaftsWerkstatt” zum Beispiel vertiefen wir die Finanzkompetenz junger Menschen und vermitteln ihnen mehr Sicherheit im Umgang mit Geld. Mehr als 2 Millionen junge Leute konnten wir bisher über die verschiedenen Inhalte der „WirtschaftsWerkstatt” ansprechen.

Mit dem Blick nach vorne: SCHUFA-Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Freytag (l.) und Prof. Horst W. Opaschowski.

»Wirtschaftlicher Wohlstand und materielle Sicherheit sind wichtig, aber sie alleine schaffen keine Lebensqualität. Familie, Freunde, Nachbarn: Aus diesem Netzwerk erwächst wahres Glück und Zufriedenheit.«

DR. MICHAEL FREYTAG, SCHUFA-Vorstandsvorsitzender

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI_ Apropos junge Leute: Im 21. Jahrhundert wächst eine Generation heran, die in einer neuartigen Balance lebt, das heißt, Beruf, Privates und Soziales miteinander in Einklang bringen will. Karriere und Selbstverwirklichung sind wichtig, aber eben nicht um jeden Preis. Die junge Generation will im Leben etwas leisten, das Leben genießen und gleichzeitig an der Bildung einer besseren Gesellschaft mitwirken. Diese Kombination verschiedener Interessen gab es früher nicht.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Wirtschaftlicher Wohlstand und materielle Sicherheit sind wichtig, aber sie alleine schaffen keine Lebensqualität. Familie, Freunde, Nachbarn: Aus diesem Netzwerk erwächst wahres Glück und Zufriedenheit. Gleichwohl ist es natürlich elementar, in einer Gesellschaft mit florierender Wirtschaft leben zu dürfen. Beide Sphären – die ökonomische und die soziale – müssen sich ergänzen.

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI_ In diesem Zusammenhang beobachten wir, dass Generationenbeziehungen an Bedeutung gewonnen haben. Der Generationenpakt, vor allem auf privater Ebene, funktioniert bestens. Die Alten wissen, was sie an den Jungen haben – und umgekehrt. Man respektiert und hilft sich weitaus häufiger, als das mitunter in öffentlichen Debatten den Anschein hat. In diesen werden die Interessen von Alt und Jung oft, aber letztlich völlig ungerechtfertigt gegeneinander ausgespielt.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Die gute Nachricht ist doch, dass die Menschen immer länger leben und auch im höheren Alter das Bedürfnis und die Fähigkeiten haben, etwas zu schaffen und zu leisten. So ist die Kombination aus älteren und jüngeren Mitarbeitern auch für ein Unternehmen bereichernd. Wir bei der SCHUFA sind davon überzeugt, dass sowohl die Erfahrung der Älteren als auch der Elan der Jüngeren gleichermaßen zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Wir legen Wert auf eine gute Mischung der Generationen.

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI_ Wie steht es denn insgesamt um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei der SCHUFA?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Wir finden gemeinsam mit den Mitarbeitern individuelle Lösungen für deren Bedürfnisse. Hierfür gibt es verschiedene Angebote: Zum Beispiel wurde in einem Kindergarten neben unserem Hauptsitz in Wiesbaden eine Krippengruppe für Kinder unserer Mitarbeiter eingerichtet. Und in unseren Geschäftsstellen gibt es sogenannte „Eltern-Kind-Büros“, sodass Kinder mit zur Arbeit gebracht werden können, wenn sie erkrankt sind oder die Betreuung in der Kita kurzfristig nicht verfügbar ist. Insgesamt geht es darum, alte, starre Regelungen zugunsten flexibler Wahlmöglichkeiten zu überwinden.

PROF. HORST W. OPASCHOWSKI_ Man muss den Wandel akzeptieren und zulassen, das setzt enorme Kräfte und viel Motivation frei. Als Zukunftsforscher bin ich ja gewissermaßen ein chronischer Optimist, und bislang lag ich damit eigentlich immer richtig!

DR. MICHAEL FREYTAG_ Natürlich gibt es immer Hindernisse und auch große Herausforderungen, aber die Vielfalt, die Energie und das Engagement der Menschen machen mir Mut für die Zukunft.