Würfeln mit Lerneffekt

Der richtige Umgang mit den eigenen Finanzen ist für Jugendliche oft nicht leicht. Mit dem eigens entwickelten „W² Finanz-ABC“ liefert die Ader das Thema einfach zugänglich macht – nicht nur für Menschen mit Förderbedarf.

____________________

FOTOGRAFIE_HELLIWOOD media & education, Peter Seifert

DATUM_26. Juni 2020

"Dein Mobilfunkanbieter ruft an und bietet dir eine schnellere Datenverbindung an. Du sagst ja, ohne zu prüfen, ob du das zahlen kannst. Setze eine Runde aus!“ Was auf einer Spielkarte höchstens ärgerlich ist, kann im wahren Leben eines jungen Menschen finanziell schwere Folgen haben. Und genau darum geht es den Verantwortlichen und den Spielteilnehmern, die im November 2019 beim Bildungswerk der hessischen Wirtschaft (BWHW) in Wiesbaden gemeinsam am Tisch sitzen, darunter auch Ingmar Jung, Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz. Es ist der Auftakt der SCHUFA-Roadshow zum neuen, eigens entwickelten Brettspiel „W² Finanz-ABC“.

 

»Die Jugendlichen haben auf ganz spielerischem Weg Wissen vermittelt bekommen. Das wäre mit einem Vortrag sicherlich wesentlich schwieriger gewesen.«

INGMAR JUNG, BUNDESTAGSABGEORDNETER

 

Gewappnet für den Alltag

Vier bis sechs Personen können mitspielen. Voraussetzung für alle sind Basiskenntnisse in Deutsch. Gespielt wird immer mit einem Moderator, das heißt mit einem Pädagogen beziehungsweise Mitarbeiter der jeweiligen gemeinnützigen Organisation oder Bildungseinrichtung, die das Spiel kostenlos bei der SCHUFA bestellt hat. Themenfelder, die bearbeitet werden, sind: Arbeit, Wohnung, Handy und Konto. Dabei geht es vor allem auch um Stolperfallen, die bei Mietwohnungen, Mobilfunkverträgen oder der Kontoführung im Alltag lauern. Generell lässt sich das „W² Finanz-ABC“ in zwei Schwierigkeitsgraden spielen. Durch viele Gesprächssituationen und die Tatsache, dass es anfangs selbst zusammengebaut und gestaltet werden muss, fördert es auch sprachliche und soziale Kompetenzen. „Wir haben es bewusst nur auf Deutsch entwickelt, denn es thematisiert Begriffe, Zahlungsmethoden und -modalitäten, die es in vielen anderen Ländern gar nicht gibt. So können wir mit dem Spiel zusätzlich den Wortschatz und das Leseverstehen fördern“, erklärt Serena Holm, Bereichsleiterin Corporate Affairs & Regulatory Management bei der SCHUFA. Ihr Team betreut alle Aktivitäten der Bildungsinitiativen W² WirtschaftsWerkstatt und „SCHUFA macht Schule“.

Die Roadshow, die auch die Öffentlichkeit auf das Thema Finanzbildung besonders sensibler Zielgruppen aufmerksam machen will, sucht den direkten Kontakt zu Jugendlichen. Sie hat nicht nur im Bildungswerk in Wiesbaden, sondern auch in der Einrichtung des BWHW in Bensheim Halt gemacht, weitere Termine mit Bildungseinrichtungen und sozialen Organisationen in ganz Deutschland folgen.

Bundestagsabgeordneter Ingmar Jung überzeugt sich mit einer Teilnehmerin und SCHUFA-Bereichsleiterin Serena Holm vom W² Finanz-ABC.

Digitaler heißt nicht aufgeklärter. Dass in der jungen Zielgruppe Nachholbedarf in Sachen Finanzbildung und Verbraucherschutz besteht, beweist ein Blick auf die Ergebnisse des aktuellen W² Jugend-Finanzmonitor der SCHUFA, einer repräsentativen Studie zum Finanzverhalten von Jugendlichen: Lediglich sieben Prozent der Menschen zwischen 16 und 25 Jahren schätzen demnach ihre Finanzkompetenz als „gut“ oder „sehr gut“ ein. Auch in Zeiten von Apps und Co. brauchen Jugendliche mehr praktisches Finanzwissen – und das erst recht, wenn sie neu nach Deutschland gekommen sind und sich sprachlich, gesellschaftlich und beruflich integrieren wollen. „Hinzu kommt, dass Finanzen oft ein Tabu-Thema sind, vor allem wenn es um finanzielle Schwierigkeiten geht“, sagt Serena Holm.

 

Bildung mal anders

Aber wie kam die SCHUFA auf die Idee – und warum überhaupt ein Spiel? „In den letzten Jahren haben uns vermehrt gemeinnützige Organisationen angesprochen. Sie suchten nach Materialien, die Finanz-Grundkenntnisse vermitteln. Zum Beispiel für Menschen, die nach Deutschland flüchten mussten oder wegen einer Sprachbarriere schwer an Finanzwissen kommen“, sagt Serena Holm und ergänzt: „Wir wollten eine etwas andere Herangehensweise an das Thema wählen, die sich von klassischen Bildungsangeboten unterscheidet. Da war die Idee für ein Spiel naheliegend. Und was uns anfangs gar nicht bewusst war: Brettspiele gelten als etwas typisch Deutsches, so vermitteln wir auch ein Stück Alltagskultur.“ Mittlerweile können Interessierte das Spiel bestellen, das sich vor allem an nichtschulische Bildungseinrichtungen und soziale Beratungsstellen richtet.

 

Input aus erster Hand

Entwickelt wurde das Spiel gemeinsam mit der Berliner Projektagentur Helliwood media & education, die auch die Bildungsinitiativen der SCHUFA unterstützt. In der Erprobungsphase arbeitete die SCHUFA eng mit dem Bildungswerk der hessischen Wirtschaft zusammen. Darüber hinaus gab es einen intensiven Austausch mit der Schuldnerberatung des Sozialdienstes katholischer Männer e. V. in Köln und dem Freiwilligen-Zentrum in Wiesbaden. Dort wurde das Spiel in frühem Stadium mehrfach getestet. So konnte die SCHUFA Begriffe definieren, die realitätsnah und den Jugendlichen am wichtigsten waren. Während der Entwicklung wurden weitere Punkte kontrovers diskutiert. „Zum Beispiel, ob man Mitspieler rauswerfen darf“, erklärt Holm. In der finalen Version ist es optional. Damit wird das Spiel verschiedenen Spieler-Typen gerecht – auch jenen, die durch starken Wettbewerb motiviert werden. Interessanterweise entscheiden sich die meisten für die kooperative Spielvariante ohne Rauswerfen.

Spielen sorgt für Austausch: So fällt es allen Teilnehmern leichter, über ihre Finanzkompetenz zu sprechen.
W² – WirtschaftsWerkstatt
 

Hinter dem Kürzel W² steht die Bildungsinitiative der SCHUFA, die Jugendliche und junge Erwachsene darin unterstützt, einen kompetenten Umgang mit Finanzen im Alltag zu erlernen. Ein umfangreiches Angebot, vor allem online und über Social-Media-Plattformen, gibt nicht nur umfangreiche Informationen rund um Wirtschafts- und Finanzthemen, sondern bietet auch interaktive Übungen und Aktionen. Finanzthemen werden so greifbar gemacht und Schlüsselkompetenzen gefördert.

Ein Thema, das alle angeht

Rund 500 Spiele hat die SCHUFA in einer ersten Auflage produzieren lassen. Über 300 wurden innerhalb eines halben Jahres bestellt – von Bildungseinrichtungen, sozialen Beratungsstellen und teils auch von Schulen in ganz Deutschland. Alisa Klein, pädagogische Mitarbeiterin beim Bildungswerk der hessischen Wirtschaft, nutzt das Spiel mit den Jugendlichen, die sie betreut, regelmäßig: „Die Detailfragen sind das große Plus am Spiel, denn wir haben hier keinen speziellen Finanzunterricht.“ Die Kombination aus Wissen und Unterhaltung hat einen positiven Zusatzeffekt: „Es macht viel Spaß, wir lachen viel dabei und es hilft, dass die Angst vor den großen Bergen an Bürokratie bei den Jugendlichen verschwindet“, sagt sie.

Manche Jugendliche hätten sogar schon gefragt, ob sie das Spiel auch zu Hause mit ihren Familien spielen dürfen. Auch Serena Holm freut sich über das positive Feedback: „Das Spiel bestätigt, dass auch in digitalen Zeiten analoges Spielen nach wie vor beliebt ist.“ Und noch etwas freut sie ganz besonders: „Das W2 Finanz-ABC hat eine deutlich größere Zielgruppe, als wir anfangs erwartet hatten. Es bietet einen Nutzwert für alle Menschen, die Finanzbildung brauchen – nicht nur mit Migrationshintergrund. Der anderthalbjährige Spielentwicklungsprozess hat sich definitiv gelohnt.“

Mit dem eigens entwickelten "W² Finanz-ABC" liefert die SCHUFA Jugendlichen einen spielerischen Ansatz für den richtigen Umgang mit den eigenen Finanzen.

ÄHNLICHE ARTIKEL