Gemeinsam gegen Betrug

Online-Handel boomt, von zuhause bestellen ist leicht und bequem. Die Schattenseite
des stetig wachsenden E-Commerce: Betrug, auch Fraud genannt. Zu Schaden kommen dabei Unternehmen, Verbraucher und die gesamte Gesellschaft. Wie lässt sich das Problem anpacken? Auf Deutschlands erstem Fraud-Kongress wurde die dringliche Frage heiß diskutiert - und eine Antwort gefunden.

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FOTOGRAFIE_ schufa

DATUM_ 05. Juni 2018

„Willkommen zu einer Premiere!“ Schon die Begrüßung von Dr. Michael Freytag lässt auch die letzten im Saal aufhorchen. Mehr als 100 Gäste hat es an diesem 29. November ins „Haus Ungarn“ am Berliner Alexanderplatz gezogen – zum ersten Fraud Prevention-Kongress der SCHUFA. Nie zuvor kamen so viele führende Online-Händler, Banken, Behörden und Datenschützer in dieser Konstellation zusammen, um über Maßnahmen zur Vermeidung von Online-Betrug zu sprechen und ihre Erfahrungen zu teilen. Das Thema ist dringlicher denn je.

Allein in Deutschland liegt der Schaden durch Betrug im Onlinehandel für Unternehmen bei 2,4 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Hierzu zählen beispielsweise der Warenbetrug, Warenkreditbetrug oder Leistungskreditbetrug – kurz gesagt: das Bestellen einer Leistung ohne die Absicht für diese zu zahlen. Höchste Zeit also, intensiv an Lösungen zu arbeiten.

„Bereits auf dem Jubiläumskongress ‘90 Jahre SCHUFA‘ zeichnete sich der erhöhte Gesprächsbedarf ab. Mit dem Fraud-Kongress wollten wir eine echte Austauschplattform anbieten“, erklärt Stephan R. Peters, Leiter Geschäftsfeld Identität & Betrugsprävention bei der SCHUFA

Für Hans Georg Spliethoff vom Onlinehändler Otto ist das Zusammenspiel von Sicherheit und einem guten Kundenerlebnis wichtig..

Für Hans Georg Spliethoff vom Onlinehändler Otto ist das Zusammenspiel von Sicherheit und einem guten Kundenerlebnis wichtig..

»Der Austausch über Branchen hinweg, mit verschiedenen Institutionen und Interessen-trägern ist sehr wichtig. Wir können gegenseitig viel voneinander lernen. «

Hans Georg Spliethoff, Leiter Kreditmanagement /
FC-KM Otto GmbH & Co. KG

Gesagt. Getan. Heute treffen sich alle Experten in Berlin. Welche Formen der Online-Betrug annehmen kann, skizziert der erste Gastredner Thomas Simmroß. Der Leitende Kriminaldirektor des Bereichs Betrug beim LKA 2 Berlin präsentiert dazu ein Beispiel aus dem größten Problemfeld, dem Identitätsbetrug: „Unser Spitzenreiter in Berlin liegt bei rund 40 Identitäten, die der Mann geklaut und damit in der ganzen Republik Betrugstaten begangen hat.“ Um einem solchen sogenannten Third-Party-Fraud auf die Spur zu kommen, brauche es vor allem eines: schnelle Kommunikation zwischen den Länderbehörden. Noch besser wäre es laut Simmroß natürlich, wenn die Unternehmen mit effektiveren Schutzmaßnahmen die Zahl der Betrugsfälle verringern könnten, weshalb er den Austausch beim Fraud-Kongress als essentiell betrachtet.

Heidrun Odenweller-Klügl, Vertriebsleiterin Banken & Finanzdienstleistungen bei der SCHUFA, diskutiert mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf einem Fachpanel.

Heidrun Odenweller- Klügl, Vertriebsleiterin Banken & Finanzdienstleistungen bei der SCHUFA, diskutiert mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf einem Fachpanel.

Den Rahmen dafür, wie Unternehmen etwa kriminellen Identitätsfälschern auf die Schliche kommen können, setzt unter anderem die Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO). Hierzu macht Frederick Richter, Geschäftsführer der Stiftung Datenschutz deutlich, dass die Betrugsvermeidung im Vorfeld ein sogenanntes berechtigtes Interesse darstellen kann, um gemäß der DS-GVO Daten zu erheben. Ein wichtiges Signal aus Sicht der zu schützenden Online-Besteller und Unternehmen.

Nach der Pause wird heiß weiterdiskutiert. Der Fraud-Kongress bietet schließlich erstmals die Möglichkeit des branchenübergreifenden Austauschs. Und so geht es auch im gleich folgenden Bühnentalk um Fragen wie: Was macht eine gute Betrugsabwehr aus? Wie lauten dabei die wichtigsten Aspekte? Und wo gibt es Verbesserungsbedarf im eigenen Unternehmen?

Neben den Kripo- und Datenschutzexperten beziehen Vertreter des Handelsriesen Otto und der Targobank Stellung. Das Auditorium wird gleichzeitig um Abstimmung gebeten und kann einige der Fragen per Smartphone beantworten. Wie gut sind sie bei dem Thema aufgestellt? Oder: Wie akut ist das Thema für Sie? Die Ergebnisse sind live sichtbar und zeigen einen Trend: Für die SCHUFA-Kunden wird das Thema Prävention im Sinne einer automatischen Erkennung von Betrugsmustern eindeutig wichtiger –um finanzielle Schäden zu minimieren und Compliance-Regeln zu erfüllen.

Arne Strehlau

Holger Brümmer von der Targobank erläutert die speziellen Herausforderungen bei der Betrugsabwehr aus Sicht der Finanzwelt.

»Betrachtet man die Schadenssummen, die wir in den letzten Jahren verhindern konnten, wird klar, wie enorm wichtig Prophylaxe gegen Betrug ist.«

Holger Brümmer, Bereichsleiter Betrugsmanagement - Strategie TARGOBANK AG & Co. KGaA

_____ Straftaten von Cybercrime im Jahr 2017 (Quelle: BKA 2017)
Milliarden Euro Schaden durch Betrug im Online-Handel
(BBW Hochschule)
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_____ Prozent der befragten Unternehmen gaben an, regelmäßig mit Betrugsversuchen zu tun zu haben.
(Quelle:EHI Retail Institute, 2018)

Die Herausforderung für alle Beteiligten lautet also: Auf der einen Seite soll die Online-Bestellung für den Nutzer so einfach und bequem wie möglich sein. Auf der anderen Seite muss die Sicherheit vor Identitätsbetrügern erhöht werden. Ein Beispiel dafür ist das beliebte Bestellen auf Rechnung, auf das kein Online-Händler verzichten möchte. An diesem Punkt schwenkt die Diskussion auf die neueste Sicherheitslösung der SCHUFA, den FraudPreCheck (FPC). „Der SCHUFA-FraudPool, den wir 2014 für die Kreditwirtschaft eingeführt haben, war der erste große Meilenstein bei der Betrugsprävention. Wie wir für jeden Kunden individuell auch im E-Commerce helfen können, zeigen wir jetzt mit dem FraudPreCheck“, so der Leiter des

Geschäftsfelds Identität & Betrugs-prävention bei der SCHUFA Stephan R. Peters. Mit Hilfe des Fraud-PreCheck werden Betrugsmuster erkannt und Auffälligkeiten an die Händler gemeldet. Diese können dann vor Versand der Ware reagieren und beispielsweise eine weitere Prüfung veranlassen oder gegen Vorkasse oder Kreditkartenzahlung liefern.

Der FPC basiert auf modernsten Machine-Learning-Verfahren. Damit kann die SCHUFA relevante Betrugsauffälligkeitsmuster in Echtzeit identifizieren – individuell für jedes Unternehmen. Entwickelt wurde der FPC in intensiver Abstimmung zwischen den Datenexperten der SCHUFA und sieben großen Online-Händlern und -Bezahldiensten sowie unter Einbeziehung der Datenschutzinstanzen. Die enge Zusammenarbeit großer Player war vor allem wichtig, da die Mustererkennung am präzisesten funktioniert, wenn die Computermodelle mit möglichst vielen Bestelldaten gefüttert werden. Einer der Beteiligten am Pilotprojekt war Hans Georg Spliethoff, Leiter Kreditmanagement bei Otto. Der Online-Händler nutzt den FPC als einer der ersten Kunden. Für Spliethoff sieht die gelungene Betrugsvorsorge folgendermaßen aus: „Die beste Prävention funktioniert mit einer gesunden Mischung aus Mensch und Maschine.“

Dazu passend steht mit den Fachpanels im Anschluss der praktische Teil für alle Teilnehmer auf dem Plan. In den zwei Stunden können die Kunden im Dialog mit SCHUFA-Mitarbeitern ihre Gedanken zu den Themenfeldern Regulatorik sowie zur Betrugsprävention im E-Commerce, bei Immobilien oder im Finanzsektor diskutieren. Eines kristallisiert sich dabei heraus: Jedes Unternehmen hat mit seinen eigenen Vertriebs- oder Servicemodellen sehr spezielle Anforderungen. Je besser die SCHUFA diese kennt, desto gezielter können die Verfahren helfen.

Das Resümee des Tages: Der E-Commerce-Sektor wächst stark – aber auch die Betrugsgefahr. Umso notwendiger wird der unmittelbare Austausch zwischen Unternehmen, Online-Händlern, Finanzinstituten und Datenschützern. Gleiches gilt für die Prävention. Mit Lösungen wie dem Fraud-PreCheck wird die SCHUFA ihren Kunden und Partnern auch künftig vorausschauend zur Seite stehen.

Thomas Simmroß
Thomas Simmroß
 

Als leitender Kriminaldirektor der Abteilung LKA 2 Betrug in Berlin bestimmen Betrugsfälle und deren Auswirkungen den Arbeitsalltag von Thomas Simmroß. In vier Szenarien erklärt er, worin genau die Problematik beim Onlinebetrug liegt und welche Maßnahmen es braucht, um solche Fälle langfristig zu verhindern.

WAS WÄRE WENN... Kriminaldirektor Thomas Simmross antwortet


Wenn ein Täter hundert Bestellungen bei sechs verschiedenen Firmen aufgibt…


...dann merkt man das im Zweifelsfall erstmal gar nicht. Die einzige Möglichkeit, das zu registrieren, ist ein kontinuierlicher Informationsaustausch. Nur so kann man solche Verknüpfungen erkennen und entsprechende Maßnahmen einleiten.

Wenn man sich vor Internetbetrug schützen will…


…dann muss man bei sich selbst anfangen. Das größte Problem beim Datenschutz ist nun mal der Mensch vor dem Computer. Wir sind alle gläsern, wenn wir es zulassen. An Name, Alter und Wohnort heranzukommen, ist einfach. Mit ein bisschen Geschick kommen Betrüger sogar leicht an die Kontonummer. Natürlich spielen sichere Identifizierungsprozesse und das eigene Risikomanagement eine wichtige Rolle, also der bewusste Umgang mit unbekannten Mails oder sichere Passwörter.

Wenn eine Betrugsanzeige erstattet wird…

…dann spielt der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle. Viele Anzeigen erreichen uns erst nach Wochen oder Monaten – und dann hängen wir hinterher. Die Chancen, einen Internetbetrug noch aufzudecken, sind dann verschwindend gering.

Wenn wir Betrug langfristig verhindern wollen…

…dann müssen Wirtschaft und Behörden als Gesamtheit agieren. Täter arbeiten oft international und können parallel 20 Firmen schädigen, die voneinander nichts wissen. Nur wenn man Informationen austauscht, kann man sich gegenseitig warnen, informieren, Muster erkennen und gemeinschaftlich Betrug verhindern.

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