Eine Frage des Vertrauens

Neue Werte und Verhaltensweisen prägen Wirtschaft und Handel. Welche Gründe das hat und wie gravierend dieser Wandel ist – darüber diskutiert SCHUFA-Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Freytag mit Prof. Dr. André Habisch, Experte für Wirtschafts- und Unternehmensethik.

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FOTOGRAFIE_ Matthias Haslauer

Engagierter Austausch:
Dr. Michael Freytag (l.) und Professor Dr. André Habisch während eines Rundgangs durch die Katholische Universität Eichstätt.

Nichts ist, wie es einmal war. Der Handel hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Durch den Siegeszug der neuen Medien sind Konsumartikel, Kleidung und Lebensmittel nicht nur rasend schnell verfügbar, der Konsum wird auch immer transparenter. Egal, ob beim Preis, der Qualität oder dem Service: Die Käufer sind bestens informiert, sie vernetzen sich und tauschen sich aus.

Parallel dazu steigen die Ansprüche und die Erwartungen an Unternehmen. Konsumenten interessieren sich dafür, wie nachhaltig Produkte hergestellt werden und wie glaubwürdig die Produzenten tatsächlich sind. Die ökologischen und gesellschaftlichen Folgen der Marktwirtschaft sind in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Wird das so bleiben? Und wenn ja, was folgt daraus? Diesen und weiteren Fragen gingen der SCHUFA-Vorstandsvorsitzende Dr. Michael Freytag und Prof. Dr. André Habisch in einem Gespräch nach, das sie in der Universitätsbibliothek in Eichstätt führten. André Habisch ist Professor für Christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und CSR-Experte.

»Nachhaltiges und profitables Wachstum ist möglich, wenn es intelligent gemanagt wird und ein wirtschaftlicher Vorteil mit einem Beitrag zum Gemeinwohl verbunden wird.«

PROF. DR. ANDRÉ HABISCH, Professor für Christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik

Herr Dr. Freytag, der Handel befindet sich im Wandel. Nachhaltigkeit und E-Business werden wichtiger. Wie nehmen Sie die Entwicklung wahr?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Es ist richtig, dass die Verbraucher besser informiert sind als früher, nicht zuletzt, weil es im Internet Qualitäts- und Preisvergleiche aller Art gibt. Damit verbunden ist eine Veränderung des Kaufverhaltens: Shopping findet heute rund um die Uhr statt. Interessant ist aus meiner Sicht aber auch, dass im Onlinehandel der Kauf auf Rechnung immer noch die häufigste Bezahlart ist. Vertrauen ist eine überaus wichtige Währung für den Händler, denn er schickt die Ware ja nur dann an den Besteller, wenn er davon ausgehen kann, dass dieser auch bezahlt. Dieses Vertrauen schaffen wir: Über 90 Prozent der von der SCHUFA erfassten 66 Millionen Menschen haben ausschließlich positive Daten bei uns. 97,5 Prozent aller Kredite werden reibungslos zurückgezahlt.

Der Online-Handel wächst. Zugleich interessieren sich die Konsumenten mehr denn je für nachhaltig produzierte Güter und glaubwürdige Produkte und Unternehmen. Woher rührt dieser Wandel?

PROF. DR. ANDRÉ HABISCH_ In der Tat gibt es ein breites und zunehmendes Interesse an nachhaltigem Wirtschaften in der Gesellschaft. Das Thema beschäftigt Verbraucher, Industrie, Politik und Wissenschaft. Eindeutig hängt das mit der beschleunigten Globalisierung und den neuen Medien zusammen. Wenn in einem Land wie Bangladesch im Textilbereich unter prekären Bedingungen produziert wird, bleibt das westlichen Konsumenten nicht verborgen. Die Konsequenzen einer Konsumentscheidung sind uns sehr bewusst. Wenn ich ein billiges T-Shirt kaufe, weiß ich mit hoher Wahrscheinlichkeit, wie es hergestellt wurde.

DR. FREYTAG_ Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Slogan, sondern sie findet Eingang in den Alltag. Viele Menschen möchten Produkte kaufen, die nicht bedenkenlos oder gar skrupellos hergestellt wurden. Man wünscht sich Produkte, die ökologisch und sozial nachhaltig entstanden sind. Für Unternehmen sehe ich darin eine große Chance, mit ihren Kunden offen und respektvoll zu kommunizieren.

Schöne Symbiose: In der Architektur der Universitätsbibliothek in Eichstätt mischen sich Tradition und Moderne.

Eine Chance auch für die SCHUFA?

DR. FREYTAG_ Wir haben uns immer als Teil der Gesellschaft gesehen. Für uns bedeutet das auch, etwas zurückgeben zu müssen und zu wollen. Unser Markenversprechen „Wir schaffen Vertrauen“ gilt hierbei als Richtschnur. Wir engagieren uns sozial, kulturell und insbesondere für junge Menschen. Erfolgreich läuft seit Jahren das Programm „SCHUFA macht Schule“, mit dem wir Lehrern Unterrichtsmaterial zum Thema Finanzkompetenz zur Verfügung stellen. Aktuell haben wir mit der neuen Bildungsinitiative „WirtschaftsWerkstatt“ schon eine Million Jugendliche über verschiedene Kanäle im Internet erreicht. Über 30.000 Jugendliche haben das Online-Portal besucht, um dort interaktiv ihre Finanzkompetenz zu schärfen.

»Die Qualität eines Unternehmens zeigt sich nicht nur darin, gute Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Ein erfolgreiches Unternehmen muss auch mitten im Leben stehen.«

DR. MICHAEL FREYTAG, SCHUFA-Vorstandsvorsitzender

In der Vergangenheit wurde die SCHUFA mitunter als unnahbar wahrgenommen. Jetzt suchen Sie stärker die Öffentlichkeit. Warum?

DR. FREYTAG_ Die SCHUFA ist nicht nur Partner der Wirtschaft, sondern auch Schutzpatron für private Verbraucher: 1,7 Millionen Menschen nutzen unsere Produkte. Die SCHUFA ist Bestandteil der Lebensrealität der Bevölkerung und hilft, Alltagssituationen zu meistern; bei Krediten, Online-Bestellungen, Wohnungsanmietungen oder dem Schutz der Identität im Netz. Dafür steht im Übrigen auch unser Verbraucherbeirat: In dem mit Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft besetzten Gremium werden verbraucherrelevante Themen kritisch diskutiert. Der Rat unabhängiger Experten ist für uns von besonderer Bedeutung.

Ins Gespräch vertieft: SCHUFA-Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Freytag (l.) und Prof. Dr. André Habisch in Eichstätt.

Wie wichtig sind Offenheit und Glaubwürdigkeit für Unternehmen im 21. Jahrhundert generell?

PROF. DR. HABISCH_ Manager im 21. Jahrhundert müssen sich ihrer Rolle im gesellschaftlichen Umfeld und der Erwartungen, die an sie gestellt werden, bewusst sein. Firmen agieren globaler denn je und sie profitieren davon. Für Manager bedeutet das, sich nicht einfach herausreden zu können nach dem Motto: Das war ja nur mein Geschäftspartner, der da Fehler in der Wahrung von Arbeitnehmerrechten oder bei der Einhaltung ökologischer Standards gemacht hat. Das Argument gilt nicht mehr. Verbraucher fordern ein, dass hier ein funktionierender Rahmen geschaffen wird, der elementare Menschenrechte und Schutzstandards sicherstellt.

DR. FREYTAG_ Die Qualität eines Unternehmens zeigt sich nicht nur darin, gute Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Ein erfolgreiches Unternehmen muss auch mitten im Leben stehen. Der Maßstab für Glaubwürdigkeit liegt dann darin, dass man auch Dinge tut, die nicht rein kommerziell sind. Die SCHUFA veröffentlicht zum Beispiel jedes Jahr den Kredit-Kompass, der einen informativen Beitrag zum Konsum- und Finanzierungsverhalten liefert. Schuldnerberatungsstellen, öffentliche Institutionen wie auch die private Wirtschaft profitieren davon gleichermaßen.

csr ist in aller Munde – doch was bedeutet das?
 

Der Begriff Corporate Social Responsibility (CSR) umschreibt den freiwilligen Beitrag eines Unternehmens zu einer nachhaltigen Entwicklung, der über gesetzliche Forderungen hinausgeht. CSR steht für das verantwortliche, gewissermaßen ehrbare Handeln von Managern und Firmen – sei es bei der Abwicklung von Geschäften, im Hinblick auf Umwelt und Ökologie sowie die Arbeitsbedingungen und die Rechtssicherheit von Mitarbeitern bis hin zum Austausch mit relevanten Anspruchs- oder Interessengruppen (Stakeholdern). Für den Begriff CSR gibt es keine allgemein anerkannte Definition. Im europäischen Raum hat sich die Definition der Europäischen Kommission etabliert: Demnach handelt es sich um ein „Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren.“

Wird der Trend zu ethisch und ökologisch korrektem Konsum Bestand haben, oder handelt es sich um ein Strohfeuer?

PROF. DR. HABISCH_ Mit Sicherheit ist es kein Strohfeuer, denn die globalen sozialen und ökologischen Probleme bleiben virulent. Die Tendenz, Verantwortungsträgern im 21. Jahrhundert die ethische Dimension ihres Handelns zu zeigen, so dass sie selber Mitverantwortung für globale Herausforderungen tragen, ist in meinen Augen unumkehrbar. Nachhaltiges und profitables Wachstum ist möglich, wenn es intelligent gemanagt wird und ein wirtschaftlicher Vorteil mit einem Beitrag zum Gemeinwohl verbunden wird. Das zu vermitteln, sehe ich im Übrigen auch als unsere Aufgabe hier an der Universität. Mit unserem Konzept für den Masterstudiengang „Unternehmertum und soziale Innovation“ möchten wir diesem Anspruch gerecht werden.

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