Vom Wandel

Sie arbeiten in verschiedenen Welten: Der eine ist SCHUFA-Vorstandsvorsitzender, der andere Museumsdirektor. Gemeinsam ist ihnen die Liebe zur Kunst. Kunst als unerschöpfliche Quelle der Inspiration und als Spiegel der Gesellschaft. Gedankenaustausch zwischen Dr. Michael Freytag und Dr. Alexander Klar.

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FOTOGRAFIE_ Marcus Pietrek

Dr. Alexander Klar (links) und Dr. Michael Freytag im Museum Wiesbaden.

Große gesellschaftliche Veränderungen bestimmen unsere Gegenwart und noch mehr die Zukunft. Zunehmende Komplexität und Digitalisierung, Informationsfülle, interkulturelles Zusammenleben und herausfordernder Berufsalltag ... Welche Bedeutung hat angesichts dieser Themen die Kunst? Welchen Stellenwert kann sie in unserer immer schnelllebigeren Zeit für die Gesellschaft und für den Einzelnen haben? Fragen, die auch den SCHUFA-Vorsitzenden und Kunstliebhaber Dr. Michael Freytag und Kunsthistoriker Dr. Alexander Klar, Direktor des Museums Wiesbaden, beschäftigen. Sie trafen sich in den Räumen der hessischen Kunstsammlung, die Gemälde, Skulpturen, Objekte, Installationen und Arbeiten auf Papier aus der Zeit vom 12. bis 21. Jahrhundert vereint, zu einem Gespräch über Kunst und die Welt, die Welt der Kunst und die Welt, in der sie leben. Dabei besuchten sie den Saal mit den berühmten „Cubes“ des Donald Clarence Judd (1928–1994). Der US-amerikanische Maler, Bildhauer und Architekt Donald Judd ist einer der Hauptvertreter des Minimalismus, der sich Mitte der 1960er Jahre in New York entwickelte. Er war einer der ersten, der in seinen freistehenden oder freihängenden Objekten Malerei und Skulptur verschmolz.

»Ich möchte, dass Kunst weniger mit dem Kopf und mehr mit dem Gefühl erlebt wird. Kunst soll Bereicherung des Lebens sein.«

DR. ALEXANDER KLAR, Direktor des Museums Wiesbaden

DR. MICHAEL FREYTAG_ Eine fantastische Ausstellung.

DR. ALEXANDER KLAR_ Ja, wir sind stolz, Judd hier zeigen zu können. Dieser Raum ist wie für ihn geschaffen. Wie fühlen Sie sich?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Sehr gut. Kunst steigert das Wohlbefinden. Kunst ist ein Fenster zur Seele. Daraus beziehe ich Kraft und Kreativität. Vor allem Farben und Formen inspirieren mich, weil sie so gar nichts mit Daten und Zahlen zu tun haben, die sonst meinen Alltag bestimmen. Moderne Kunst wirkt auf mich entspannend. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen nur richtig gut und erfolgreich in ihrer Arbeit sein können, wenn sie solch einen Ausgleich finden, der die Konzentration auf sich zieht. Das kann auch Musik sein oder Sport oder ein erfüllendes Hobby. Unser Leben ist heute stark von Technik und einer immerwährenden Informationsflut beeinflusst, dem muss man einen Moment der Ruhe entgegenstellen. Bei mir ist es die Kunst. Sie können sich glücklich schätzen, sich hauptberuflich damit zu beschäftigen.

DR. ALEXANDER KLAR_ Oh ja, ich bin da in einer privilegierten Position. Auch für Kunsthistoriker ist es nicht selbstverständlich, tatsächlich in einer Kunstsammlung zu landen. Aber glauben Sie mir, ich habe auch sehr viel mit Zahlen zu tun. Ein großes Museum wie dieses ist schließlich ein Wirtschaftsunternehmen. Die kostbaren Ausstellungen und der Kauf neuer Werke wollen finanziert sein, die Besucherzahlen müssen stimmen. Wir haben seit einiger Zeit zweimal in der Woche abends bis 20 Uhr geöffnet, um neue Zielgruppen zu erschließen. Dies ist ein Service, den ich bieten möchte, um auch Menschen zu erreichen, die vielleicht bislang wenig mit einem Museum dieser Art zu tun hatten und sich abends ungezwungen umsehen möchten. Der Besuch soll ein Erlebnis sein.

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Kunsthistoriker Dr. Alexander Klar prägt seit November 2010 das Ausstellungskonzept des Museums Wiesbaden.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Das ist genau das, was ich meine. Wer sich auf Kunst einlässt und sich wirklich in ein Werk vertieft, die Farben und Formen auf sich wirken lässt, erlebt etwas. Kunst ist Emotion, setzt Empfindungen und Gedanken frei. Auch in der Finanzbranche arbeiten erfolgreich Kunsthistoriker, obwohl sie eigentlich einen ganz anderen akademischen Background haben. Aber das Zahlenwerk ist Handwerk, das kann man sich aneignen. Dafür bringen diese Mitarbeiter wichtige Fähigkeiten wie Intuition und Einfühlungsvermögen mit, das ist zum Beispiel im Umgang mit Kunden und in der Kommunikation entscheidend. Kunst ist auch Kommunikation, es entsteht ja gewissermaßen ein Dialog zwischen dem Betrachter und dem Werk. Das kann man aber nur erfahren, wenn es reale Kunst ist. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir alles virtuell aus dem Internet auf den Bildschirm holen können. Aber nur erlebte Kunst ist wirklich authentisch. Ich bin sicher, dass auch die Kunstsammlung der SCHUFA positiv und inspirierend auf den Arbeitsalltag unserer Mitarbeiter einwirkt.

»Kunst ist ein Fenster zur Seele. Daraus beziehe ich Kraft und Kreativität. Vor allem Farben und Formen inspirieren mich, weil sie so gar nichts mit Daten und Zahlen zu tun haben, die sonst meinen Alltag bestimmen.«

DR. MICHAEL FREYTAG, SCHUFA-Vorstandsvorsitzender

Kunstwerk von Katharina Goose aus dem Sammlungskonzept FARBRAUMWELTEN der SCHUFA

Kunstwerk von Katharina Goose aus dem Sammlungskonzept FARBRAUMWELTEN der SCHUFA

DR. ALEXANDER KLAR_ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Aber nicht jeder ist so aufgeschlossen wie Sie. Gerade bei der zeitgenössischen Kunst beobachte ich immer wieder ein Phänomen, das mir – verzeihen Sie das Stereotyp – sehr deutsch erscheint: Kunst als Bildungsveranstaltung, die man durchdringen muss, verstehen will. Das Gegenteil habe ich bei südeuropäischen und angelsächsischen Ausstellungsbesuchern erlebt. Sie gehen unbedarft und neugierig heran, ohne vor Respekt zu erstarren und sich die Frage zu stellen, was der Künstler sagen will, was das Werk bedeutet. Wichtiger ist mir, eine Hilfestellung zum genauen Hinsehen zu bieten und zum Dialog.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Das möchten wir auch mit unserer Unternehmenssammlung erreichen – die Menschen ins Gespräch bringen. Allein die Vorstellung, dass ein Maler diesen Strich an diese Stelle gesetzt hat, und man steht jetzt davor ...

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.

DR. ALEXANDER KLAR_ Sie beschreiben das sehr schön. Das will ich gern vermitteln, dass Kunst immer in ihrer Zeit zeitgenössisch ist. Die aus unserer Sicht alten Meister waren zu Lebzeiten selbst Zeitgenossen. Aber in dem Moment, da der Künstler etwas erschafft, ist es schon Geschichte. Zeitgenössische Kunst bedeutet nicht, dass die Werke gestern oder letztes Jahr entstanden sind, sie bedeutet, dass sie in der Gegenwart des Betrachters bedeutsam ist. Ich meine, das drücken die Exponate im Unternehmensgebäude der SCHUFA erfreulich deutlich aus.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Wir wählen unsere Kunstwerke auch konsequent passend zur Philosophie unseres Unternehmens aus, die auf Offenheit und Transparenz basiert. Die Sammlung soll unser zentrales Leitbild transportieren, das heißt „Vertrauen schaffen“. Offensichtlich sind wir auf dem richtigen Weg: Seit 2010 ist die Zahl unserer Privatkunden um 50 Prozent auf 1,5 Millionen gestiegen. Die SCHUFA versteht sich als Mittler zwischen Wirtschaft und Verbrauchern.

MODERNE KUNST HAUTNAH
 

Seit 2006 gibt es das Sammlungskonzept FARBRAUMWELTEN im SCHUFA Unternehmenssitz in Wiesbaden. Es soll zentrale Aspekte der Firmenphilosophie wie Transparenz und Offenheit widerspiegeln. Gleichzeitig wird es als kommunikative Herausforderung verstanden. Die Kunstsammlung umfasst 25 Werke zeitgenössischer Künstler, die sich intensiv mit Farbe, Form, Licht und Raum beschäftigen. Das umfangreichste Kunstwerk ist von der international renommierten Künstlerin Katharina Grosse, die die Wände des fünfstöckigen Treppenhauses mit Sprühfarbe (Foto) gestaltete. Eine liegende Plastik aus Kunstharzscheiben schuf der Nürnberger Harald Pompl. Zudem sind Wandobjekte aus geschichteten Paraffinen und Wachsen von Bim Koehler zu sehen und eine weitläufige Wandarbeit des französischen Künstlers Daniel Buren, der den bedeutenden Kunstpreis „Praemium Imperiale“ erhielt. Objekte aus fluoreszierendem Acrylglas kreierte die Kölnerin Regine Schumann, und die Künstlerin Alexandra Deutsch aus Wiesbaden fertigte farbenprächtige Wandobjekte aus handgeschöpftem Papier. Einmal im Jahr können externe Besucher die Sammlung besichtigen.

DR. ALEXANDER KLAR_ Ist es in der Öffentlichkeit denn fest verankert, dass sich die SCHUFA auch um Privatpersonen kümmert?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Uns kennen 94 Prozent der Deutschen. Aber noch weiß nicht jeder, dass wir nichts verhindern, sondern im Gegenteil, vieles ermöglichen. Wussten Sie, dass zu mehr als 91 Prozent der Personen ausschließlich positive Informationen zu vertragsgemäßem Zahlungsverhalten vorliegen? Eine SCHUFA-Auskunft trägt also in fast allen Fällen dazu bei, dass ein Kredit vergeben werden kann und somit eine wirtschaftliche Beziehung entsteht. Unsere Arbeit kann man nur nicht sehen. Das geschieht ja im Hintergrund innerhalb von Sekunden, dass beispielsweise ein Mobilfunkvertrag abgeschlossen werden kann oder jemand etwas im Online-Versand bestellt. Wir werden künftig weitere Produkte entwickeln, die Vertrauen schaffen, die das Leben sicherer machen, die dem Verbraucher ökonomische Sicherheit geben.

DR. ALEXANDER KLAR_ Auch im Museumsbetrieb wird heute der Besucher mehr als Verbraucher betrachtet, dem wir etwas bieten wollen. Das fängt bei der Raumgestaltung an, beinhaltet gastronomischen Service und reicht bis zu Angeboten für Kinder oder Senioren. Mir ist wichtig, dass der Aufenthalt in einem Kunstmuseum als ein sinnliches, inspirierendes Erlebnis erfahren wird, dass es so nirgendwo anders gibt. Ich wünsche mir, dass Kunst weniger mit dem Kopf und mehr mit dem Gefühl erlebt wird. Kunst soll Bereicherung des Lebens sein.

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