Blick nach vorn

Tanja Birkholz übernimmt zum 1. Juli 2020 den Vorstandsvorsitz der SCHUFA Holding AG. Im Interview erklärt sie, wo sie Chancen, aber auch Herausforderungen sieht und welche Entwicklungsschritte notwendig sind.

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FOTOGRAFIE_ Torsten Zimmermann

DATUM_ 26. Juni 2020

_ Sie übernehmen ein Unternehmen mit fast hundertjähriger Geschichte – in welche Richtung soll sich die SCHUFA in Zukunft entwickeln?

TANJA BIRKHOLZ_ „Wir schaffen Vertrauen“ wird auch künftig die Mission der SCHUFA sein – sowohl zwischen Unternehmen als auch zwischen Unternehmen und Verbrauchern. Es wird darauf ankommen, noch besser die Bedürfnisse unserer Kunden zu verstehen und als Intermediär Lösungen zu bieten. Dies beinhaltet auch ein Verständnis, welche Chancen sich aus der Vernetzung der Vertragspartner untereinander ergeben: beispielsweise zukunftsträchtige Möglichkeiten der Zusammenarbeit verschiedenster Branchen im Rahmen neuer Plattformen, zum Nutzen unserer Vertragspartner und Verbraucher. Ich freue mich auf die spannende Aufgabe, ein Unternehmen mit fast 100-jähriger Erfolgsgeschichte weiterzuentwickeln – sozusagen auf ein „Next Level SCHUFA“ zu heben. Ich bin fest davon überzeugt, dass in der SCHUFA noch viel Potenzial für eine weiterhin erfolgreiche Zukunft steckt.

 

_ Wo sehen Sie die Stärken und das größte Potenzial der SCHUFA?

TANJA BIRKHOLZ_ Kern der SCHUFA ist es, Transparenz und Vernetzung zwischen Banken, Händlern und Verbrauchern herzustellen. Dies ist Grundlage für erfolgreiche Geschäftsbeziehungen und Wachstum. Jeder möchte wesentliche Eckdaten über eine ihm unbekannte Person oder einen neuen Geschäftspartner haben, bevor er eine persönliche beziehungsweise finanzielle Verpflichtung eingeht. Der einzigartige Datenschatz der SCHUFA aus einem Netzwerk von über 10.000 Vertragspartnern ermöglicht dies – in Bruchteilen einer Sekunde. Mit unseren Lösungen helfen wir, die gesamte Wertschöpfungskette einer Kundenbeziehung abzudecken: von der Identifizierung über die Betrugsprävention, die Bonitätsprüfung bis hin zur Prüfung der Einhaltung regulatorischer Pflichten. Modulare und volldigitale Lösungen gewinnen bei den Unternehmen immer mehr an Relevanz. Es braucht einen Partner, der diese Aspekte täglich begleiten kann – und kaum ein Unternehmen in Deutschland versteht Regulierung über die Branchen hinweg so gut wie wir.

 

»Wir schaffen Vertrauen in der digitalen Welt und ermöglichen Wachstum – Grundlage ist unser einzigartiger Datenschatz.«

TANJA BIRKHOLZ, AB 1. JULI VORSTANDSVORSITZENDE SCHUFA HOLDING AG

_ Eine Finanzbranche im Wandel, Digitalisierung, neue Marktakteure – wie wird die SCHUFA diesen Herausforderungen begegnen?

TANJA BIRKHOLZ_ Wir haben die besten Voraussetzungen, um unsere Kunden dabei zu unterstützen, marktführende digitale Geschäftsprozesse zu etablieren. Unsere Lösungen müssen sich schnell, einfach und flexibel – ganz nach den jeweiligen Kundenbedürfnissen – nahtlos miteinander verknüpfen lassen und integrierbar sein. Das bedeutet aber nicht, dass wir alle Aspekte, die erforderlich sind, selbst entwickeln müssen. Wir wollen für eine offene Architektur stehen: Der Kunde bekommt die besten am Markt verfügbaren Lösungen. Hierfür ist die Zusammenarbeit in unserem Netzwerk von Vertragspartnern und Kunden ein großes Asset. Unsere aktuellen Erfolge im B2B-Geschäft verdeutlichen dies: Wir verknüpfen – im Markt einzigartig – umfangreiche externe Datenquellen mit den Daten unserer Personen-Datenbank. Mit sehr leistungsstarken, hochperformanten Systemen validieren wir vollautomatisiert die Qualität und nutzen unsere besondere analytische Kompetenz, um – wo sinnvoll – zusätzliche Informationen abzuleiten.

In diesen Zeiten wird viel von der Plattform-Ökonomie gesprochen. Die SCHUFA kann als neutraler Intermediär verschiedenste Branchen verknüpfen und diese zu für Verbraucher und Unternehmen relevanten Lebenswelten verbinden. Dass die SCHUFA das kann, hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder erfolgreich bewiesen. Dabei hat sie – im Unterschied gerade zu neuen Marktakteuren – ein ausgeprägtes und anerkanntes Bewusstsein für die Sensibilität der von ihr verwalteten Daten. Dazu bieten wir Technologiekompetenz – von der System-Architektur über die Prozesse bis hin zu neuen Verfahren der Künstlichen Intelligenz und des Machine Learnings.

 

_ Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird kontrovers diskutiert. Wie ist hier die Haltung der SCHUFA?

TANJA BIRKHOLZ_ Die Verwendung von Verfahren aus der KI spielt für uns seit langem eine wichtige Rolle, beispielsweise im Bereich der Betrugsprävention. Auch die Anwendung im Bonitätsscoring zeigt, dass sich durch Machine Learning die Anzahl der korrekten positiven Einschätzungen der Zahlungsfähigkeit erhöht. Wichtig ist uns, dass bei der Anwendung von KI die Fairness der Systeme sichergestellt ist und es zu keiner systematischen Voreingenommenheit kommt. Daher beteiligen wir uns auch an entsprechenden Forschungsprojekten, bspw. dem EU-Forschungsprogramm NoBIAS – Artificial Intelligence without Bias.

 

_ Ihr Einstieg bei der SCHUFA fiel mit der Corona-Krise zusammen. Welche Auswirkungen hat diese auf die Entwicklung der SCHUFA gehabt?

TANJA BIRKHOLZ_ Mir war es wichtig, als SCHUFA in diesen Zeiten Verantwortung zu übernehmen und Verbrauchern und Unternehmen zu helfen: In einer beeindruckenden Teamleistung haben wir in nur zwei Wochen bereits bestehende Lösungen zu einer einzigartigen digitalen Antragsstrecke verknüpft, um unseren Beitrag für die schnelle und betrugssichere Auszahlung von Corona-Hilfen zu leisten. Die SCHUFA bietet die komplette Prozesskette von der Verifikation des Antragstellers, beispielsweise über einen Abgleich der Steuernummern, über Analysen des Liquiditätsbedarfs bis hin zu der Auslösung der Auszahlung. So konnten wir mit der SCHUFA-B2B-Förderkreditauskunft Banken und Sparkassen ermöglichen, die Anträge zu den KfW-Schnellkrediten digital und vollautomatisch zu validieren und zugleich mögliche Betrugsfälle zu vermeiden. Ein Erfolgsfaktor war die schnelle Einbindung in die individuellen Prozesse des Kunden. Über einen Link konnten wir über 700 Banken und 12.000 Nutzer auf die Plattform nehmen – und dies mit bewährt hoher System- und Prozessstabilität. Wir haben hierzu ein tolles Kunden-Feedback erhalten. Es macht einfach Freude, die Kunden – gerade in dieser schwierigen Situation – von unserer Qualität und Geschwindigkeit überzeugen zu können.

 

_ Also ist die SCHUFA insgesamt für die Zukunft gut aufgestellt?

TANJA BIRKHOLZ_ Entscheidend wird sein, die sich verändernden Markt- und Kundenanforderungen proaktiv und nicht reaktiv aufzunehmen und Lösungen zu entwickeln, die den Kunden relevanten Nutzen bieten. Dazu gehört auch, qualitätsbewusst und doch schnell und pragmatisch zu agieren. In Zeiten von Unsicherheit heißt dies häufig, neue, ungewohnte Wege zu beschreiten. Hierbei ist die Aufmerksamkeit, aber auch die Handlungsbereitschaft der gesamten Organisation gefordert. Dies ist sicher einer der positiven Aspekte aus der Zeit der Corona-Pandemie: die Kraft gelebter Diversität bei konsequenter gemeinschaftlicher Ergebnisorientierung. Auch das wollen wir in die Zukunft überführen. Es gibt viele Felder, in denen sich die SCHUFA positionieren kann, um die Traditionsmarke im Sinne eines „Next Level SCHUFA“ erfolgreich weiterzuentwickeln.

Der SCHUFA Vorstand geht ab Juli 2020 neu formiert in die Zukunft. Wir stellen die Vorstandsmitglieder und ihre Kompetenzbereiche vor.

V.l.n.r. Dr. Ole Schröder, Tanja Birkholz, Peter Villa und Holger Severitt

DR. OLE SCHRÖDER

Ole Schröder, Dr. jur., ist seit Januar 2020 Mitglied des Vorstandes. In seiner Laufbahn war er acht Jahre als Rechtsanwalt tätig. Von 2002 bis 2017 war Ole Schröder Mitglied im Deutschen Bundestag sowie von 2009 an acht Jahre lang Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium des Innern mit den Verantwortungsschwerpunkten Informationstechnologie, Digitalisierung und Datenschutz. Zuletzt beriet er Kunden unter anderem bei der KPMG und lehrte als Gastdozent an der Frankfurt School of Finance. In Sachen Datenschutz fährt er eine klare Linie: „Modernste Technologien in Verbindung mit höchsten Standards bei Datenschutz und Datensicherheit sind der große Wettbewerbsvorteil der SCHUFA.“

TANJA BIRKHOLZ

Tanja Birkholz ist seit Januar 2020 Mitglied des Vorstandes der SCHUFA Holding AG, ab 1.Juli hat sie den Vorstandsvorsitz inne. Vor ihrer Zeit bei der SCHUFA war sie von 2007 bis 2016 Bereichsvorstand bei der Commerzbank AG für Finance Architecture, Risk Management und Investor Relations. Anschließend wechselte Tanja Birkholz als Partnerin zur internationalen Unternehmensberatung Oliver Wyman und war dort Mitglied des europäischen Führungsteams „Finance & Risk Practice“. Ihr Blick auf die Zukunft der SCHUFA: „Unser Unternehmen ist aktiver Gestalter und Katalysator digitaler Veränderungsprozesse in der Finanzbranche.“

PETER VILLA

Peter Villa gehört seit neun Jahren zum Vorstandsteam. Zudem ist er unter anderem Mitglied des Boards of Directors der Business Information Industry Association und des European Credit Research Institute. Er war Geschäftsführer verschiedener Unternehmen, zuletzt leitete er als CEO Bisnode / Dun & Bradstreet in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seit Juni 2019 ist er Vizepräsident der Association of Consumer Credit Information Suppliers in Brüssel. Vor allem die neuen Technologien und die damit verbundenen Möglichkeiten für innovative Lösungen, auch in Zusammenarbeit mit Start-ups und anderen Partnern, liegen Peter Villa am Herzen: „Je komplexer und schneller die Welt wird, umso wichtiger werden zuverlässige Partnerschaften und Kooperationen.“

HOLGER SEVERITT

Seit 2009 ist Holger Severitt Mitglied im Vorstandsteam. Vor seiner Zeit bei der SCHUFA war er als CFO bei der National Westminster Bank AG, danach als Leiter Controlling bei der SchmidtBank tätig. Im Jahr 2006 übernahm er die Leitung der Archon Capital Bank GmbH, einer Tochtergesellschaft von Goldman Sachs. Neben seinen Hauptaufgaben im Vorstand der SCHUFA legt Holger Severitt vor allem Wert auf die richtige Unternehmenskultur als Schlüssel zum Erfolg für die SCHUFA: „Gerade die Vielfalt und Verschiedenheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trägt dazu bei, eine Bandbreite an Lösungsansätzen zu diskutieren und umzusetzen.“

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