Zahlen, Bitte!

Auf Rechnung, per App oder mit Karte? Konsumenten bietet sich eine immer größere Vielfalt an Zahlarten. Mobile Payment ist dabei eher ein Randphänomen – noch.

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FOTOGRAFIE_ Stefan Freund

MOBILE BEZAHLSYSTEME
sind Exoten in Handel und Gastronomie. Experten sehen in ihnen jedoch großes Potenzial für die Zukunft. Welche Technologie sich auf dem stark fragmentierten Mobile-Payment-Markt durchsetzt, ist derzeit noch ungewiss.

Anton hat Durst. Während sich der Anderthalbjährige seine Milchflasche schnappt, verlangt es seine Mutter Bettina Löwen nach Kaffee. Die Studentin ist in Eile: Sie will sich einen Coffee to go holen, Anton zur Tagesmutter bringen und zur Uni fahren. Mit ihr stehen andere junge Leute im Café an und lassen sich den verführerischen Duft von frisch gebrühtem Kaffee um die Nase wehen. Während die Maschine zischt und dampft, halten die meisten schon mal ihren Geldbeutel parat. Bettina Löwen hat keinen Geldbeutel in der Hand, sondern ihr Smartphone. Kaum ist sie an der Reihe, öffnet sie eine App, die mit ihrem Kundenkonto verbunden ist. Sie hält das Telefon an ein Lesegerät für Barcodes – und ist um 3,50 Euro ärmer.

Die Welt des Bezahlens ist im Wandel – vor allem für technikaffine Menschen wie Bettina Löwen. Die zunehmende Digitalisierung ist ein Megatrend, der unter anderem auch dafür sorgt, dass Zahlarten und deren vorgeschaltete Technologien digitaler und mobiler werden. Verbraucher können diese wachsende Vielfalt heute schon erleben. Manche Händler ermöglichen das Bezahlen mittlerweile per App und Guthabenkonto, andere mit QR-Code-Scans und wieder andere arbeiten mit Funktechnik.

Das Innovationstempo ist hoch: Häufig ist von neuen Wegen zu lesen, auf denen Verbraucher ihre gewünschten Waren ergattern können. Über die Richtung herrscht Einigkeit: weg vom Bargeld, hin zum mobilen Bezahlen per Smartphone, denn mancher würde wohl eher sein Portemonnaie vergessen als sein Handy.

Digital Natives
 

sind in der digitalen Welt groß geworden, doch sogar sie setzen eher auf bewährte digitale Bezahlmethoden ihrer Bank als auf Mobile Payment. Das zeigt eine TNS-Umfrage, mit der die WirtschaftsWerkstatt, die Bildungsinitiative der SCHUFA, untersucht hat, welche digitalen Bezahlwege 16- bis 25-Jährige nutzen. Das Ergebnis: 74,5 Prozent der Befragten zahlen mit EC-Karte, 60,6 Prozent per Lastschrift, 38,7 Prozent mit PayPal und 24,1 Prozent mit Kreditkarte. Die Nutzung von Mobile Payment (10,6 Prozent) steigt aber mit zunehmendem Alter. Die Jugendlichen sehen den Hauptvorteil der digitalen Methoden im Tempo und darin, dass sie weniger Bargeld mitführen müssen. Mehr als ein Drittel fürchtet aber, den Überblick über die Ausgaben zu verlieren.

DAS WETTRENNEN DER TECHNOLOGIEN IST OFFEN

„Mit Mobile Payment wird schon seit einer ganzen Weile experimentiert. Es gibt viele verschiedene Strategien, ein klarer Trend hat sich bislang jedoch noch nicht entwickelt“, sagt Jochen Senger, Key Account Manager bei der SCHUFA für den Bereich Versandhandel, E-Commerce und Dienstleister. „NFC, also die Nahfeldkommunikation, wurde beispielsweise fast schon abgesagt und wird nun doch wieder viel diskutiert.“ Mit anderen Worten: Das Rennen ist noch offen. Welche Technologie sich durchsetzt und in naher Zukunft vielleicht flächendeckend bargeldlose, mobile Zahlungsvorgänge abwickelt, ist ungewiss.

Bettina Löwen ist das gerade herzlich egal, sie steckt in ihrem eigenen Rennen. Nach fünf Stunden voller Seminare und Vorlesungen raucht ihr etwas der Kopf. Sie will die Mittagspause für Erledigungen nutzen: Apotheke, Drogerie, Supermarkt. Auf dem Weg in die Innenstadt stärkt sie sich mit einem Bagel und diskutiert in Kurzmitteilungen mit einigen Freundinnen das Geburtstagsgeschenk für eine weitere Freundin: Ein Massage-Gutschein soll es werden. Kleine Beträge, wie für den Bagel, zahlt sie meist in bar, größere, wie für das Wellness-Geschenk, mit Karte. Im Salon zieht sie diesmal nicht ihr Handy, sondern ihren Geldbeutel aus der Tasche. Sie steckt ihre Bankkarte in das EC-Lesegerät und tippt ihre Geheimnummer ein. Während die kleine Maschine rattert, packt ihr die Dame an der Kasse schon mal den Gutschein samt Wellness-Broschüre in einen Geschenkumschlag – der Geburtstag kann kommen.

Bargeld nutzt Bettina Löwen vor allem für kleinere Beträge im Alltag. Wird die Summe höher, muss die Karte herhalten.

NACHFRAGE NACH SICHERER INFRASTRUKTUR STEIGT

Die Bezahlverfahren, die deutsche Verbraucher nutzen, sind vielfältig. Laut einer Studie von „Der Handel” betrug der Anteil der Barzahlungen am Einzelhandelsumsatz im Jahr 2013 aber satte 55,6 Prozent. Auf EC-Cash fielen 22,1 Prozent und auf EC-Lastschriften 12,8 Prozent. Der Rest verteilte sich auf Kreditkarten, Finanzkauf, Handelskarten, Maestro/V-Pay und andere. Die Unterschiede zu anderen Ländern können hier groß sein: Vor allem Kreditkarten haben in Deutschland nie die Akzeptanz erfahren, die sie etwa in den USA haben, wo selbst kleine Beträge mit Karte gezahlt werden. Mit der kontinuierlich steigenden Bedeutung des E-Commerce im Einzelhandel erhöht sich auch die Nachfrage nach sicherer Infrastruktur im digitalen Zahlungsverkehr.

Speziell Mobile Payment ist in Deutschland derzeit allerdings noch ein Randphänomen. Wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in ihrem Konsumentenbarometer 2/2014 herausgefunden hat, werden entsprechende Dienste nur von wenigen Verbrauchern genutzt – gut einem Viertel der Befragten war diese Möglichkeit noch nicht einmal bekannt. Das Potenzial jedoch ist groß: 58 Prozent der Nichtnutzer können sich vorstellen, künftig mit dem Handy zu bezahlen.

Dieses Potenzial hat den Markt für Zahlungsdienstleistungen gewaltig in Bewegung gebracht. Plötzlich tummeln sich hier mächtige Internetgiganten und Telekommunikationsunternehmen ebenso wie kleine, hoch innovative Entwickler: Wettbewerber testen neue Technologien, Kooperationspartner finden sich, große Anbieter übernehmen kleine. Banken, traditionell die Experten für Zahlungsverkehr, waren anfangs zurückhaltend beim Thema Mobile Payment. Unter anderem aufgrund zunehmender regulatorischer Auflagen droht ihre Innovationskraft zu sinken. „Banken dürfen sich das Managen des Zahlungsverkehrs und die Kundenbeziehung nicht wegnehmen lassen“, findet Senger. „Trotz Imageproblemen seit der Finanzkrise vertrauen Kunden ihrer Bank, wenn es um das Abwickeln von Bezahlvorgängen geht.“

Auch in Sachen Datenschutz, die wichtigste Anforderung deutscher Verbraucher an mobile Bezahlsysteme, sind Banken kompetent. Diesen Wettbewerbsvorteil gilt es zu nutzen, denn der Großteil der Verbraucher würde am liebsten Banken und Sparkassen als Anbieter von Mobile Payment sehen, wie die Initiative D21 und TNS Infratest in der Studie „Online-Banking 2014“ herausgefunden haben. Weit dahinter folgen Payment-Anbieter, Kreditkartengesellschaften und andere.

HÄNDLER HABEN EINE SCHLÜSSELPOSITION

Auch wenn sich mittlerweile etablierte Banken daran gemacht haben, ihre Geschäftsstrategie dem digitalen Strukturwandel anzupassen, so wäre die Einführung neuer Technologien nur um der Technologie Willen der falsche Ansatz: „Technikaffine Generationen probieren zwar gerne Neues aus. Aber am Ende des Tages entscheidet der Mehrwert, ob sich ein Angebot dauerhaft etablieren kann“, betont SCHUFA-Experte Senger.

An entscheidender Steller sitzen die Händler, die ihre eigene Rechnung aufmachen müssen: Wie viel Geld und Zeit kostet sie das neue Bezahlsystem und wie sehr nutzt es ihnen in puncto Kundenbindung, Informationsgewinn oder Differenzierung von Wettbewerbern? Ähnlich verhält es sich auf Seite der Kunden, die sich bei Mobile-Payment-Angeboten fragen, wie sicher und komfortabel diese sind und was sie ihnen vielleicht zusätzlich an Zeitgewinn oder speziellen Serviceleistungen, Rabattaktionen und Wareninformationen bringen.

Ob per Karte, Bargeld oder App – Bettina Löwen hat ihre Einkäufe und Erledigungen erfolgreich hinter sich gebracht. Auch den kleinen Anton hat sie schon von der Tagesmutter nach Hause geholt und gerade einen Zettel aus dem Briefkasten gefischt: Eine Nachbarin hat ein Paket für sie angenommen. Kaum hat sie auf die Klingel gedrückt, geht auch schon die Tür auf und die Nachbarin steht mit dem Paket im Türrahmen. Endlich sind die Fachbücher für ihr Hauptseminar da – und mit ihnen die Rechnung, die in einer Plastiktasche steckt. Nach einem kurzen Plausch schnappt sich Bettina Löwen ihre Neuerwerbungen und verschwindet in ihrer Wohnung.

So neu und modern viele digitale und mobile Technologien beim Einkaufen auch sind, so altbekannt ist oftmals die Zahlart, die dahinter steht. Denn bei diesem Thema gehen schnell die Begriffe durcheinander: Manches Mal wird von neuen Zahlarten gesprochen oder geschrieben, letztlich ist aber nur die vorgeschaltete Technologie neu und gezahlt wird tatsächlich ganz traditionell auf Rechnung.

 

 

»Die Digitalisierung bestimmt unsere Zeit – auch in puncto Konsum. Dabei hat Datensicherheit nicht nur für Verbraucher, sondern auch für die SCHUFA höchste Priorität.«

PETER VILLA, SCHUFA-Vorstandsmitglied

DEUTSCHE VERBRAUCHER KAUFEN GERN AUF RECHNUNG

Der Vorgang, dass der Verbraucher die Ware schon bekommt, obwohl der Händler noch keinen Zahlungseingang verzeichnet, sondern nur die Rechnung dafür gestellt hat, ist übrigens typisch deutsch. „In vielen Ländern gibt es diese Möglichkeit gar nicht“, berichtet Senger. „Die Deutschen sind aber so groß geworden. Vor langer Zeit haben die bekannten Distanzhändler den Rechnungskauf eingeführt und damit das Verhalten geprägt – vor allem in puncto Sicherheit: Verbraucher wollen die Ware erst begutachten.“

Der Kauf auf Rechnung ist die beliebteste Bezahlmethode im deutschen Onlinehandel – zumindest, wenn Verbraucher mit einer Retour rechnen oder wenn es generell um höhere Beträge geht. Insgesamt betrachtet werden Online-Einkäufe mittlerweile aber häufiger mit dem Bezahldienst PayPal beglichen. Wie das ECC Köln in seiner Anfang 2015 veröffentlichten Studie „Payment im E-Commerce Vol. 19“ herausgefunden hat, haben 23,9 Prozent der Befragten ihren letzten Einkauf mit PayPal bezahlt und 23,4 Prozent per Rechnungskauf.

Dass der Rechnungskauf immer noch so beliebt ist, ist ein Beweis für die Macht der Konsumenten. Denn für Händler birgt er manches Risiko: Bei keiner anderen Zahlart muss er so lange auf sein Geld warten, so viele Zahlungsstörungen hinnehmen und so viele Mahnverfahren einleiten. Mit anderen Worten: Keine andere Zahlart ist für ihn auch nur annähernd so teuer – aber der Kunde besteht darauf.

Internet und mobile Devices machen das heimische Sofa zur Shoppingzone. Der kleine Anton guckt zwar auch mal über das Angebot – zahlen darf aber Mama Bettina.

Bettina Löwen hat es sich mittlerweile mit ihrem Rechnungskauf und einer Kanne Tee auf dem Sofa gemütlich gemacht. Der Stapel Bücher muss zumindest in Auszügen bis Ende des Monats gelesen sein. Die junge Mutter nimmt sich aber erst das Tablet, wirft einen Blick in ihre E-Mails und guckt mit Anton nach einem neuen Kinderbett. Für Möbel, Tablets, Zahlsysteme und Co. interessiert er sich sowieso nicht. Noch nicht. Doch in einigen Jahren muss sich der Konsument der Zukunft selber überlegen, was er einkaufen möchte – und wie er es bezahlen wird.

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