Wandel mit Weitblick

Wie verändert die Digitalisierung die Finanzwelt? Welche Herausforderungen und Chancen entstehen? Und wie wichtig sind heute und morgen Vertrauen und Verantwortung? Fragen, die der SCHUFA-Vorstandsvorsitzende Dr. Michael Freytag gemeinsam mit André M. Bajorat, CEO des Fintech-Unternehmens figo, beleuchtet.

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FOTOGRAFIE_ Matthias Haslauer

___ Herr Dr. Freytag, die Digitalisierung berührt und verändert nahezu alle Bereiche unseres Lebens. Wie ausgeprägt ist der Wandel in der Finanzwelt?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Der Umbruch ist längst Realität bei den vielfältigen neuen digitalen Kommunikationsformen, bei Online-Banking, eCommerce oder dem Internet der Dinge. Die Geschwindigkeit, Komplexität und Anonymität von Handelsbeziehungen und Transaktionen hat enorm zugenommen. Die physische Distanz zwischen Kunden und Unternehmen hat sich oft vergrößert, einen direkten persönlichen Kontakt gibt es häufig nicht mehr. In dieser Situation ist der Faktor Vertrauen wichtiger denn je.

___ Was genau meinen Sie damit?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Handel und Kreditgeschäfte – ob analog oder digital – sind ohne Vertrauen nicht denkbar. Die SCHUFA schafft dieses Vertrauen seit 90 Jahren, indem wir kreditrelevante Informationen zu Privatpersonen und Unternehmen bereitstellen. Wir verfügen über Daten zu 67,2 Millionen natürlichen Personen und 5,3 Millionen Unternehmen. Der Bedarf ist hoch und wächst kontinuierlich: Jeden Tag erhalten wir 380.000 Bonitätsanfragen. Die SCHUFA unterstützt sichere und effiziente Geschäftsabschlüsse. Mit Erfolg: 97,8 % aller Verbraucherkredite werden reibungslos zurückgezahlt!

ANDRÉ M. BAJORAT_ Vertrauen ist in der digitalen Welt in der Tat ein hohes Gut. Bei der Autorisierung und Authentifizierung von Zahlungen etwa muss Vertrauen immer wieder aufs Neue hergestellt werden, in einer Geschwindigkeit und Masse, wie wir es uns vor einigen Jahren gar nicht vorstellen konnten. Generell denke ich, dass die Finanzwelt schon immer ein Treiber der Digitalisierung war. Heute erleben wir eine neue Qualität dieser Entwicklung, weil Akteure jenseits der angestammten Finanzwelt für frische Ideen und zusätzliche Dynamik sorgen.

DR. MICHAEL FREYTAG
 

ist Vorstandsvorsitzender der SCHUFA Holding AG und Vizepräsident der Association of Consumer Credit Information Suppliers (ACCIS). Er arbeitete zehn Jahre als Corporate- und Investmentbanker bei der Deutschen Bank, war Senator der Freien und Hansestadt Hamburg und Mitglied des Bundesrats der Bundesrepublik Deutschland.

»Datenschutz und Datenqualität, insbesondere der sensible Umgang mit personenbezogenen Daten, stehen bei der SCHUFA an erster Stelle.«

DR. MICHAEL FREYTAG, SCHUFA-Vorstandsvorsitzender

___ Ist das Verhältnis zwischen den etablierten und den neuen Akteuren eher von Wettbewerb oder Kooperation geprägt?

ANDRÉ M. BAJORAT_ Natürlich gibt es auch Konkurrenz, aber ich glaube, vor allem in den vergangenen zwei Jahren hat der Dialog zwischen Fintech-Unternehmen und traditionellen Finanzakteuren erheblich zugenommen. Beide Seiten haben akzeptiert, dass sie voneinander und miteinander viel lernen können, um Prozesse und Produkte im Sinne der Kunden zu verbessern. Es gibt viele Schnittmengen, man muss sie nur ausloten, austesten und verifizieren. So können stimmige, erfolgreiche Produkte entstehen.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Wir entwickeln permanent neue Produkte und Dienstleistungen. Unser Innovation Lab arbeitet gezielt an effektiven Suchalgorithmen, insbesondere an Verfahren zur Betrugsprävention. Fintechs bringen frische Impulse und eine neue Dynamik in die Finanzwelt. Sie inspirieren dazu, Dinge zu überdenken und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Umgekehrt profitieren auch die jungen Akteure der Finanzwirtschaft von der Zusammenarbeit mit der SCHUFA, die aus einer in vielen Jahrzehnten gewachsenen Kompetenz schöpft.

ANDRÉ M. BAJORAT
 

ist CEO der in Hamburg ansässigen figo GmbH, die sogenannte Anwendungsprogrammierschnittstellen zum Auslesen von Finanzdaten programmiert. So können etwa Banking-Services in Produkte Dritter eingebunden werden. Bajorat ist seit 1996 als Unternehmer, Berater, Speaker, Business-Angel und Mentor im deutschen Start-up- und Fintech-Umfeld aktiv. Der von ihm ins Leben gerufene Blog paymentandbanking.com befasst sich mit den Themen Banking, Payment und Mobile. Seit März 2016 gibt er als Mitglied des Bitkom-Hauptvorstandes Fintechs eine Stimme.

»Die Finanzwelt war schon immer ein Treiber der Digitalisierung. Heute erleben wir eine neue Qualität dieser Entwicklung.«

ANDRÉ M. BAJORAT, CEO figo GmbH

 

___ Eine große Herausforderung der Digitalisierung liegt im Bereich des Datenschutzes. Wie gehen Sie das Thema an?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Datenschutz und Datenqualität, insbesondere der sensible Umgang mit personenbezogenen Daten, stehen bei der SCHUFA an erster Stelle. Unsere Geschäftsaktivität unterliegt dem Bundesdatenschutzgesetz – einem der strengsten Datenschutzgesetze, die es weltweit gibt. Und wir überwachen die Qualität unserer Daten sehr sorgfältig, sichern und verbessern sie stetig. Im digitalen Zeitalter kommt es mehr denn je auf einen verantwortungsvollen, fairen und für den Verbraucher transparenten Umgang mit Daten an. Wir speichern sie auf Servern in Deutschland. Auch greifen wir zur Bonitätsprüfung nicht auf Daten und Informationen aus sozialen Netzwerken zurück, weil wir ganz bewusst die Privatsphäre des Verbrauchers respektieren. Wir kennen ja die tatsächlich kreditrelevanten Daten. Das ist ein wichtiger Aspekt, um sich das Vertrauen von Partnern und Kunden immer wieder aufs Neue zu verdienen.

ANDRÉ M. BAJORAT_ Ich kann das nur unterstreichen. Auch figo optimiert fortlaufend die interne Organisation sowie die eigenen Sicherheits- und Compliance-Standards, um unseren Geschäftspartnern ein verlässlicher Dienstleister zu sein und einen größtmöglichen Schutz der Daten ihrer Nutzer in der digitalen Welt zu gewährleisten. Die digitale Identität wird für uns alle zunehmend relevanter und damit auch die Frage, wie und von wem meine persönlichen Daten wo genutzt werden. Letztlich geht es dabei um Transparenz. Das persönliche Datenmanagement und die individuelle Datensouveränität werden im Alltag immer wichtiger.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Dem stimme ich voll und ganz zu. Insbesondere Themen wie Identitätsschutz oder Betrugsprävention erlangen eine immer größere Bedeutung und werden erfolgsentscheidend für Unternehmen. Hier können wir mit unserer Datenexpertise einen umfassenden Service bieten. Alle 30 Sekunden wird in Deutschland digital eine Identität gestohlen, mit der oft Bestellungen im Versandhandel manipuliert werden. Mit dem SCHUFA-FraudPool haben wir eine Datenbank geschaffen, die Kreditinstitute und Finanzdienstleister dabei unterstützt, Betrugsversuche und -verdachtsfälle datenschutzkonform untereinander auszutauschen und sich so vor Betrug und dessen Folgen zu schützen. Zudem werden unsere Privatkunden mit dem UpdateService über aktuelle Anfragen bei der SCHUFA informiert und können so erkennen, ob ihr Name möglicherweise von Betrügern missbraucht wird. Davon profitieren Unternehmen und Konsumenten gleichermaßen. Die SCHUFA schafft Vertrauen. Seit 90 Jahren. Und: Vertrauen ist Zukunft.

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