Start-up trifft auf Tradition

Wettbewerber oder Partner? Junge Fintechs und klassische Finanzdienstleister können viel voneinander lernen. Zwei Experten erklären, welche Vorteile eine Zusammenarbeit bietet.

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FOTOGRAFIE_ REUTERS/Axel Schmidt, FinTech Group AG, N26 GmbH, Robert Gross

 

Die Digitalisierung hat mächtig Schwung in die Finanzwelt gebracht. Fintech-Unternehmen denken Prozesse völlig neu, wollen aus vielversprechenden Ideen echte Innovationen schaffen – und stellen so bisherige Geschäftsmodelle in Frage. Etablierte Player verfügen hingegen über notwendige Ressourcen, einen großen Kundenstamm und vor allem ein über viele Jahre hart erarbeitetes Vertrauen. Deshalb haben sowohl die alten als auch die jungen Akteure in der Branche erkannt, wie gewinnbringend Kooperationen sein können. Im November 2016 hat das Statistik-Portal Statista 110 Experten von Fintechs, Banken und sonstigen Finanzdienstleistern befragt, wie klassische Finanzdienstleister vorrangig auf deutsche Fintechs reagieren: Fast die Hälfte der befragten Unternehmen will Partnerschaften eingehen.

Digitalisierung treibt die Branche

„Wir sind in einer Etablierungsphase der Digitalisierung, in der noch nicht jeder auf dem neuesten Stand ist. Teilweise wird noch vorsintflutlich monolithische Technik verwendet“, berichtet Stephan Simmang, CTO der FinTech Group AG. Das Unternehmen ist seit seiner Gründung 1999 zu einem der führenden Anbieter innovativer Technologien im Finanzsektor geworden. Simmang ist ein klarer Befürworter von Kooperationen zwischen etablierten Unternehmen und jungen Gründern: „Start-ups bringen den entsprechenden Spirit mit und zeigen der Industrie, dass man vieles cleverer machen kann – natürlich immer im Rahmen bestimmter Regularien.“

Dem würde Valentin Stalf, Gründer und CEO von N26, sicher nicht widersprechen. Die mobile Bank N26 wurde vor vier Jahren gegründet und hat sich von einem Fintech-Start-up zu einer lizensierten Vollbank entwickelt. Diesen Erfolg erklärt Stalf damit, dass die bekannten Akteure der Branche oftmals das Thema Digitalisierung nicht stark genug priorisiert haben und N26 hier mit seiner durch und durch digitalen DNA völlig neue Standards setzen konnte: „Wir haben eine Branche ausgewählt, in der der Kunde bereit war, neue Dienstleistungen in anderer Qualität zu nutzen – und wir haben Bankprodukte ganz neu gedacht.“ In puncto Kooperationen hat sich in den vergangenen zwei Jahren zwar viel getan, dennoch sieht er viel Spielraum: „Auf dem deutschen Markt gibt es nicht viele Fintechs, die im großen Stil mit traditionellen Playern zusammenarbeiten und gemeinsam Reichweite erzielen.“

#FinTech Group AG
 

Die FinTech Group versteht sich als moderne Smart Bank und bietet innovative Technologien im Finanzsektor an. Sie erreicht im B2C-Bereich mehr als 200.000 Privatkunden und ist im B2B-Bereich Partner zahlreicher international tätiger Banken. Über eine Banking-Plattform stellt sie unter anderem Services aus den Bereichen Online-Banking, Payments und Brokerage zur Verfügung.

#Location: Frankfurt, 1999
#CEO: Frank Niehage
#Kunden: 212.040
#betreutes Kundenvermögen: 10,9 Mrd. Euro
#Mitarbeiter: 448

(Stand: April 2017)

Arbeitskulturen sind höchst unterschiedlich

Die Herausforderung für beide Seiten sei es, mit den unterschiedlichen Ressourcen und der oftmals völlig anderen Arbeitskultur des potenziellen Kooperationspartners umzugehen: „Traditionelle Bankhäuser haben einen großen Kundenstamm, der für junge Unternehmen attraktiv ist. Sie setzen gute Ideen aber oftmals nicht in dem Tempo um, das Start-ups brauchen. Junge Unternehmen haben häufig nicht die Ressourcen, um jahrelang an etwas zu arbeiten, ohne zu wissen, ob am Ende ein erfolgreiches Produkt entsteht“, sagt Stalf. Auch Simmang sieht diese Herausforderungen und empfiehlt daher einen behutsamen und nachhaltigen Moderationsprozess: „Für Neugründer ist es oftmals gewöhnungsbedürftig, mit großen, manchmal etwas unbeweglichen Organisationen zusammenzuarbeiten. Wenn ein frisches Start-up auf einen etablierten Player trifft, dann kann das für beide Seiten ein ‚Hallo-wach-Erlebnis‘ sein.“

Laut Simmang versuchen manche der etablierten Unternehmen daher, sukzessive interne Lösungen zu realisieren: „In den vergangenen anderthalb Jahren haben viele der großen Firmen agile Einheiten gebildet, mit denen sie diese Agilität in der eigenen Organisation umzusetzen versuchen. Man beschäftigt sich damit, weil man gesehen hat, dass einen das weiterbringt. Aber solche Umstellungen können in großen Häusern sehr schmerzhaft sein.“

#N26
 

N26 wirbt damit, im mobilen Banking neue Standards in der User-Experience zu setzen: Die Kontoeröffnung sei völlig papierlos und dauere unter acht Minuten. Das Unternehmen ist eine vollwertige Bank, die einen Echtzeit-Überziehungsrahmen sowie internationale Überweisungen in 19 Währungen, Investment-Produkte und Echtzeit-Kredite bis zu 25.000 Euro anbietet. N26 arbeitet an der Digitalisierung aller Facetten einer traditionellen Retail-Bank.

#Location: Berlin, 2013
#CEO: Valentin Stalf
#Kunden: 300.000 in 17 Ländern
#Transaktionsvolumen: 3 Mrd. Euro seit Launch 2015
#Mitarbeiter: 200

(Stand: 15. März 2017)

Im Fokus muss der Kunde stehen

Dass eine Zusammenarbeit höchst sinnvoll sein kann, sofern sie Mehrwert generiert, steht für Stalf und Simmang außer Frage. Und in manchen Bereichen sind Partnerschaften gerade aus Sicht des Start-ups nahezu unumgänglich, etwa wenn es um Prozesse geht, die große, gewachsene Datenbasen brauchen wie im Kreditscoring oder im Risikomanagement.

Auch N26 erreicht Mehrwert zum Teil über Partnerschaften und nicht nur über selbst entwickelte Innovationen: „Man muss sich vollkommen auf den Kunden fokussieren. Wir haben den Ansatz, immer die besten Produkte zugänglich zu machen. Ganz gleich, ob eine Lösung nun direkt von uns, von einem traditionsreichen Unternehmen oder einem innovativen Fintech kommt: Sofern sie Mehrwert bietet, möchten wir sie unseren Kunden zugänglich machen – natürlich über unsere Plattform“, erläutert Stalf. Auch bei der FinTech Group hat man sämtliche Marktbeteiligte immer im Blick. Nach Simmangs Erfahrung haben gerade junge Start-ups manchmal „fantastische Ideen“ und suchen Partner zu deren Umsetzung. Davon versuche man zu profitieren.

 

 

»Etablierte Prozesse immer wieder zu überdenken und weiterzuentwickeln, ist unser tägliches Geschäft. Da tickt die SCHUFA ähnlich wie ein Start-up – ein Start-up mit 90 Jahren Erfahrung.«

PETER VILLA, SCHUFA-Vorstandsmitglied

Vertrauen ist die Basis

Ganz gleich, ob es nun um die Beziehung von Kunden zu Dienstleistern oder um Partnerschaften zwischen diesen Dienstleistern geht: Die Grundlage von allem ist Vertrauen. „Vertrauen ist für unsere Kunden ganz wichtig. Wir sind eine Bank. Es geht um Geld, und bei Geld braucht man Ver- trauen“, fasst N26-Gründer Stalf die Lage zusammen. „Für ein digitales Produkt kann man über App-Store-Bewertungen oder über soziale Medien schnell Vertrauen schaffen. Aber letztlich ist der Schlüssel zum Vertrauen des Kunden immer die Qualität des Produktes.“

Auch bei der FinTech Group steht Vertrauen am Beginn einer jeden Geschäftsbeziehung: „,Wie stabil ist Ihr System, wie viel Vertrauen kann ich hineinsetzen?’ Diese Frage wird uns von potenziellen Kunden immer am Anfang gestellt. Wir benutzen unsere Systeme selbst und können somit gut nachweisen, wie stabil sie laufen“, resümiert Simmang. Wie wichtig eine starke IT-Infrastruktur ist, zeigte sich 2016. Die FinTech Group AG ist besonders stark in der Wertpapierabwicklung und betreibt mit flatex selbst einen der größten deutschen Online-Broker. Durch die überraschenden Entscheidungen des Brexit-Votums und der US-Wahl stieg plötzlich in kurzer Zeit die Zahl der Orders an. „Das Unternehmen wickelte auf perfekt performanten IT-Systemen teils mehr als 80.000 Trades am Tag ab – dreimal mehr als an einem normalen Handelstag“, so Simmang. Ein Rekord in der zehnjährigen Firmengeschichte. „Bei einem IT-Ausfall hätten die Kunden am schnelllebigen Kapitalmarkt die Kontrolle über ihre Investments verlieren können.“ Das Fazit von Stephan Simmang: „Vertrauen ist die Grundlage des gesamten Geschäfts – im Finanzsektor mehr denn je. Wenn die Glaubwürdigkeit einmal angekratzt ist, wird es sehr schwer auf dem Markt.“

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