Smarte Aussichten

Ob im Sport oder in der Wirtschaft, im Verkehr, in der Wissenschaft oder in der Landwirtschaft – die Analyse großer Datenmengen ist in vielen Bereichen unseres Lebens gängige Praxis. Wie Big Data schon heute unser Leben verbessert, zeigen unsere Titelhelden.

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FOTOGRAFIE_ Michael Adamski, Matthias Haslauer

DATUM_ 05. Juni 2018

Die Fußballerin

„Das Thema Big Data macht im Fußball seit ­einigen Jahren eine riesige Entwicklung. Viele Profi­vereine beschäftigen mittlerweile ganze Teams von Daten­experten, um sich beispielsweise auf Spiele vorzubereiten. Auch wir in der Mädchen- und Frauenfußballabteilung der TSG Hoffenheim nutzen Datenanalysen – etwa für die Auswertung des Leistungsstands der Spielerinnen, die Rehabilitation nach Verletzungen oder zur Vorbereitung auf den nächsten Gegner.

Zudem werden bei unseren Trainingseinheiten im Footbonauten Daten gesammelt. Das ist eine Art Trainingshalle mit Ballkanonen. An den Wänden befinden sich 72 Torfelder mit Lichtschranken, die Daten zu Handlungsschnelligkeit, Passschärfe und Passgenauigkeit erfassen. Damit kann man sehr individuell trainieren, was unter anderem nach Verletzungen gut ist. Außerdem tragen wir in manchen Trainingseinheiten und Testspielen GPS-Geräte auf dem Rücken, mit denen die Lauf­leistung der Spielerinnen erfasst wird. Prinzipiell halte ich Datenanalysen für sehr hilfreich, aber letztlich wird Fußball auf dem Platz entschieden. Ob der Gegner wirklich so eröffnet, wie er es laut Statistik am häufigsten tut – das zeigt sich eben doch erst im Spiel.“

Stephanie Breitner,
Kapitänin 1. Frauenmannschaft der
TSG 1899 Hoffenheim

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.

Die eCommerce-Expertin

„Nah am Kunden sein, ohne die Privatsphäre zu verletzen – das ist die Herausforderung im ­eCommerce. Kunden wünschen passgenaue Produktangebote und Tipps, die exakt ihren ­aktuellen Vorlieben und Bedürfnissen entsprechen. Damit uns das gelingt, braucht es Shops, die ­lernen, und eine Datenanalyse, in die viele Faktoren einfließen – etwa auch, wie Sortimente im Netz gerade diskutiert werden. Unsere Aufgabe ist es, vage, subjektive Informationen wie Sprache mit technischer Hilfe durch Algorithmen und Statistik objektiv abbildbar und messbar zu ­machen. Wir nutzen dazu die Daten der Masse und leiten Handlungsmuster ab. So bleibt die ­Privatsphäre des Einzelnen unberührt, und der Besucher auf otto.de erhält dennoch das perfekte Angebot. Bereits heute werden im Online-Handel rund ein Drittel der Käufe über Produkt­empfehlungen ausgelöst. Je effektiver wir also mit Daten umgehen, desto relevanter werden wir im Markt. So treibt unsere selbstgebaute Recommendation Engine unser Wachstum und den Wandel unseres Geschäftsmodells zur Plattform.“

Dr. Michaela Regneri,
Produktmanagerin für BI Analytics bei OTTO

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.

Der Mobilitätsfachmann

„Die Erhebung großer Datenmengen spielt im Verkehrsmanagement und in der Verkehrs­planung schon lange eine große Rolle – nur sprach niemand von ‚Big Data‘. Mit den Zählungen von einst würde man der heutigen Mobilität aber nicht mehr gerecht. In Stuttgart haben wir schon 2006 eine Integrierte Verkehrsleitzentrale eingerichtet, die etwa über Induktionsschleifen ­Daten zum Verkehrsaufkommen erhält. Diese werten wir zwar nicht umgehend aus – wir sammeln sie aber, um damit Ampelprogramme zu optimieren oder bei Planungen von Baustellen zu unterstützen. Zugleich informieren uns Kameras über akute Probleme wie Unfälle oder Staus.

So können wir in Echtzeit reagieren, damit der Verkehr verstetigt wird. Big Data wird in dem höchst dynamischen Feld der Mobilität immer wichtiger, um Emissionen zu verringern, Verkehr zu steuern oder auch Parkraum effizienter zu nutzen. Aus städtischer Sicht gibt es aber drei Aspekte zu bedenken: Wir brauchen Kapazitäten zur Verarbeitung der Daten. Wir brauchen Geschäftsmodelle, mit denen Unternehmen und Kommunen aus Pilotprojekten tatsächlich ­Innovationen entwickeln können. Und wir müssen hohe Standards hinsichtlich Datenschutz ­erfüllen.“

Dr. Michael Münter,
Leiter des Referats Strategische Planung und Nachhaltige Mobilität der Landeshauptstadt Stuttgart

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.

Der Landwirt

„Welches Potenzial Big Data in der Landwirtschaft hat? Enorm großes! Die Margen in unserem Markt sind gering. Wer rentabel arbeiten will, muss vor allem seine eigenen Prozesse verbessern.

Ein Beispiel: Wir bewirtschaften 970 Hektar und haben früher auf jedem Acker nur eine Bodenprobe gezogen, um den Nährstoffgehalt zu bestimmen. Heute teilen wir die Ackerfläche in viele kleine Zonen auf. Auf dem Schlepperdach sitzt ein Sensor, der durch optische Messung die Stickstoff-Versorgung analysiert und zonenspezifisch die benötigte Düngemenge errechnet. Das steigert den Ertrag um 0,4 Tonnen pro Hektar. Wir arbeiten außerdem mit Wachstumsprognosen, Satellitenbildern, GPS-Steuerung etc. und können dadurch insgesamt nicht nur Dünge­einsatz und Ertrag optimieren, sondern auch Maschinenstunden reduzieren sowie Diesel ­einsparen. Das wiederum schont die Umwelt. Leider nutzen noch nicht viele Landwirte diese moderne Technologie, denn zunächst muss man einiges investieren und sich einarbeiten – doch auf lange Sicht rechnet sich das.“

Christian Münchhoff,
Partner der Gut Derenburg GbR

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.

Die Wissenschaftlerin

„Es ist ein Wunder: Wir Menschen sind so verschieden und doch funktionieren die Zellen unseres Körpers nahezu gleich. Als Systembiologin erforsche ich, wie Zellen- Signale aus der Umgebung empfangen, ver­arbeiten und darauf reagieren. Die Auswertung großer Datensätze ist enorm wichtig, um in diesen komplexen Systemen Muster zu ­erkennen. Das Ziel ist, mathematische Modelle zu entwickeln, um das Verhalten von gesunden wie kranken Zellen vorherzusagen – und so maßgeschneiderte Behandlungen zu ermöglichen. Ein weiterer Vorteil von Big Data ist, dass ich einen Datensatz mit verschiedenen Algo­rithmen zu vielen Frage­stellungen auswerten kann. Das gelingt im Alltag nicht immer reibungslos, da Wissenschaftler und Mediziner sehr individuell arbeiten und die Daten nicht immer in entsprechender Form vorliegen. Auch gibt es noch wichtige Fragen zur Datensicherheit und zum verantwortungsvollen Umgang mit Daten, die von uns im Ethikrat diskutiert werden. Wir brauchen eine Art Gütesiegel, das Standards für Big Data definiert – dann können wir das große Potenzial nutzen, das Big Data für die Forschung und die medizinische Anwendung hat.“

Professorin Dr. Ursula Klingmüller,
Systembiologin am Deutschen Krebs­forschungs­zentrum in Heidelberg und ­Mitglied im Deutschen Ethikrat

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