Raum für Ideen

Etwas neu zu erfinden, setzt Neugier und Mut voraus, die Bereitschaft, Routinen aufzubrechen und selbstbewusst voranzugehen. Doch in welchem Umfeld entwickeln sich kluge Ideen
und Lösungen? Lassen sich Innovationsprozesse mithilfe Künstlicher Intelligenz anschieben? Und welche Herausforderungen stellt der digitale Wandel an die Finanzbranche? Darüber sprechen Catharina van Delden, Gründerin des Start-ups innosabi und Mitglied des Bitkom-Präsidiums,
und Dr. Michael Freytag, Vorstandsvorsitzender der SCHUFA.

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FOTOGRAFIE_ Matthias Haslauer

DATUM_ 28. Juni 2019

_Herr Dr. Freytag, Frau van Delden: Welche Innovation hat Sie in den vergangenen Jahren am meisten begeistert und Ihren Alltag verändert?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Das Smartphone. Man hat das Gefühl, als gäbe es Smartphones seit Jahrzehnten, dabei kam das iPhone erst 2007 auf den Markt. Heute ist es Multifunktions-tool für Kommunikation, Musik, Nachrichten oder Fotos. Das Smartphone hat die Kommunikation revolutioniert. Wir können uns jederzeit und an jedem Ort mit Nutzern in aller Welt vernetzen.

CATHARINA VAN DELDEN_ Meine Lieblingsinnovation ist schon etwas älter: Mein Ururgroßvater Professor Arthur Wehnelt entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts die Wehnelt‘sche Röhre. Leider meldete Karl Ferdinand Braun seine Erfindung schneller als Patent an. So wurde statt der Wehnelt’schen die Braun’sche Röhre weltberühmt und bis 2005 in jedem Fernseher und Computermonitor verbaut. Mein Ururgroßvater hätte sich darüber ärgern und alles hinschmeißen können. Doch er entwickelte Brauns Arbeit mit seinen Forschungen weiter. Dahinter stecken zwei bis heute gültige Botschaften an Gründer, die mich sehr geprägt haben: Gebt nicht auf, glaubt an eure Idee und aber auch: Es ist nicht ein neues Phänomen unserer digitalen Zeit, dass erfolgreiche Innovation auch Geschwindigkeit braucht.

CATHARINA VAN DELDEN
 

ist Gründerin und CEO der innosabi GmbH, eines international führenden Anbieters von Innovationsmanagementsoftware. Sie ist MBA-Absolventin der TU München und der UC Berkeley und hat davor Betriebswirtschaft und Lebensmittelproduktion studiert. Seit 2013 ist Catharina van Delden Teil des Bitkom-Präsidiums, 2014 wurde sie von der Gesellschaft für Informatik als Vordenkerin der ­digitalen Moderne ausgezeichnet. Die Computer­woche bezeichnete sie als „eine der 50 einfluss­reichsten Frauen der deutschen IT“.

»Mitarbeiter bringen nur Höchstleistungen, wenn sie ihr Bestes geben können. Dafür braucht es einen echten Kulturwandel: Einen Kickertisch auf­zustellen, reicht nicht.«

Catharina van Delden, ceo der innosabi gmbh

_Frau van Delden, Ihre Firma innosabi macht genau das, nämlich in Unternehmen die Innovati­-
onsprozesse anzuschieben. Wie läuft das ab?

CATHARINA VAN DELDEN_ Wir bieten Unternehmen spezialisierte Software-Lösungen an, um mehr Geschwindigkeit Innovationsprozesse zu bringen. Die Firmen arbeiten zum Beispiel über unsere Plattformen schon in einer frühen Phase der Produktentwicklung mit Kunden, Mitarbeitern oder Geschäftspartnern zusammen. So werden sie auf Aspekte aufmerksam, auf die sie allein nie gekommen wären. Der Gedanke dahinter: Wissen vermehrt sich nur, wenn man es teilt. Dazu muss man Innovatoren zusammenbringen, die Ideen und das Know-how von internen und externen Partnern bündeln.

_Herr Dr. Freytag, wie wichtig ist dieser Blick über den Tellerrand für die SCHUFA?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Er ist fester Bestandteil unseres Alltags. Wir sind in der digitalisierten Welt zuhause und tauschen uns regelmäßig mit Unternehmen im Silicon Valley und der deutschen Fintech-Branche aus und koope­rieren mit Universitäten. Auch sind wir im High-Tech Gründerfonds III engagiert und begleiten dynamische Start-ups. Ein weiteres Format
ist unsere „InnovationsWerkstatt“, zu der wir Experten unterschiedlicher Branchen einladen, mit uns an digitalen Innovationen zu arbeiten.

CATHARINA VAN DELDEN_ Ebenso wichtig ist die Einbindung der eigenen Mitarbeiter. Wir haben beispielsweise für Siemens die unternehmens-interne Crowdfunding-Plattform „Quick-
starter“ entwickelt. Dort reichen Mitarbeiter eigene Ideen ein und verteilen Budgets auf Projekte, für die sie besonders viel Potenzial sehen. Das ermutigt sie, für Ideen einzustehen, sie umzusetzen oder zu fördern. Das Besondere daran: Der Prozess ist komplett mitarbeiter­zentriert, die Entscheidungen liegen also nicht mehr nur noch beim oberen Management.

_Das heißt, es braucht ein geeignetes Arbeitsumfeld, damit kluge Ideen und Lösungen entstehen?

CATHARINA VAN DELDEN_ Auf jeden Fall. Mitarbeiter sollten heute mehr Verantwortung übernehmen, sich selbst entwickeln und entfalten können. Dafür benötigen sie ein Umfeld, in dem sie sich sicher fühlen und Fehler machen dürfen. Das klingt erstmal nach heiler Welt, hat für mich aber im Kern mit Performance zu tun: Mitarbeiter bringen nur Höchstleistungen, wenn sie ihr Bestes geben können. Dafür braucht es einen echten Kulturwandel, eine Kultur der Wertschätzung und Sicherheit: Einen Kickertisch aufzustellen, reicht nicht.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Innovationen sind nur möglich in einem Arbeitsklima von Offenheit und Vertrauen. Wir tun deshalb alles für eine kollegiale Atmosphäre, in der unsere Mit­arbeiter mit Freude und Motivation zur Arbeit gehen. Dazu gehört ein wertschätzender, kooperativer Umgang miteinander mit intensiver Kommunikation. Persönlich oder digital. Selbst­verständlich ist auch der Vorstand für die Mitarbeiter über eine Mailbox jederzeit erreichbar und antwortet innerhalb von 24 Stunden. Damit innovative Ideen entstehen, brauchen Sie außerdem Talente aus verschiedenen Kulturen und Branchen. Bei der SCHUFA arbeiten Menschen aus 40 Nationen. Manche unserer besten Leute waren vorher in völlig anderen Branchen und bringen frische Denkansätze mit.

_Internationalität ist ein gutes Stichwort: Wenn es um Innovationen geht, blicken viele eher
ins Silicon Valley als nach Deutschland. Wie steht es um unsere Innovationskultur?

CATHARINA VAN DELDEN_ 2013 war ich mit einer Delegation der Bundesregierung im Silicon Valley. Das war aufregend, wir haben große Augen gemacht. Trotzdem sollten wir uns als Deutsche nicht zu klein machen. Ein Mitarbeiter von Facebook sagte mir damals: Ihr habt in Deutschland eine etablierte Industrie, das ist ein riesiger Markt für Start-ups. Ein echter Wettbewerbsvorteil. Es kommt immer auf die Perspektive an. Wir sollten nicht den Anspruch haben, das nächste Facebook zu gründen. Wir haben andere interessante Märkte wie Künstliche Intelligenz oder Robotics. Hier müssen wir
vorne dranbleiben.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Deutsche Unternehmen, gerade im Mittelstand, sind innovativ und ent-
wickeln viel technologisches Know-how. Aber es gilt, das Potenzial voll auszuschöpfen. Hier gibt es noch Luft nach oben. Wir müssen vorwärtsgerichtet denken und handeln.

_Sie sagen „vorwärtsgerichtet denken“.
Die SCHUFA ist mehr als 90 Jahre alt: Kann sie mit dem Tempo des digitalen Wandels und der Innovationskraft der Start-ups mithalten?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Tradition und Innovation sind keine Gegensätze. Die SCHUFA war schon vor 92 Jahren das, was wir heute ein Fintech nennen. Seitdem befinden wir uns im stetigen Wandel: von der Karteikarte über das elektronische Auskunftssystem bis hin zum Einsatz Künstlicher Intelligenz. In unserem Innovation Lab optimieren Informatiker und Data Scientists Prozesse heute durch Einsatz moderner Algorithmen und Machine Learning-Verfahren – immer gesteuert und kontrolliert von Menschen. Außerdem investieren
wir gezielt in innovative Fintechs.

DR. MICHAEL FREYTAG
 

ist seit 2010 Vorstandsvorsitzender der SCHUFA Holding AG. Der Jurist arbeitete als Corporate- und Investmentbanker, war Aufsichtsrats- vorsitzender von Unternehmen verschiedener Wirtschaftszweige, Senator in Hamburg undMitglied des Bundesrats der Bundesrepublik Deutschland. Von2013 bis 2019 war er Vize-präsident der Association of Consumer Credit Information Suppliers (ACCIS) in Brüssel.

» Neue Technologien wie Machine Learning helfen uns, Online-Betrug zu bekämpfen. Innovationen dürfen kein Selbstzweck sein, sie müssen immer dem Menschen dienen«

DR. MICHAEL FREYTAG, schufa-vorstandsvorsitzender

_Welche Herausforderungen werden denn in der Zukunft auf die Unternehmen der Finanzbranche zukommen?

CATHARINA VAN DELDEN_ Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister tun sich oft noch schwer mit dem digitalen Wandel. Dabei hat die Digitalisierung fundamentale Auswirkun­gen auf ihre Dienstleistungen und Services: Die Erwartungshaltung der Kunden ändert sich. Eine Bestellung schon am nächsten Tag erhalten? Mit dem Kundenservice per Chat sprechen? All das ist für viele Kunden inzwischen normal – diese Flexibilität erwarten sie auch von ihrer Bank oder Versicherung. Was mich optimistisch stimmt: Die meisten unserer Kunden kommen aus der Finanzbranche und stellen sich dem digitalen Wandel. Sie werden dabei erfolgreich sein, wenn sie einen engen Dialog mit Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern pflegen. Und wenn sie selbst digitale Produkte und Dienstleistungen entwickeln, anstatt sie zuzukaufen. Das ist eine große Herausforderung in Strukturen, die traditionell eher auf Sicherheit bedacht sind.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Für uns ist der digitale Wandel täglicher Ansporn. Das Verhalten und die Bedürfnisse der Verbraucher ändern sich laufend. Käufe werden heute immer öfter online getätigt: Die physische Distanz zwischen Unternehmen und ihren Kunden wächst, oft besteht kein direkter persönlicher Kontakt mehr. Überspitzt gesagt: Manche jungen Menschen müssen das Wort Bank­filiale googeln. (Lacht.) catharina van delden_ Ich war das letzte Mal in einer Bankfiliale, als sich meine App aufgehängt hat. (Lacht.)


DR. MICHAEL FREYTAG_ Dennoch wissen viele Menschen ihre Bank vor Ort zu schätzen. Das hat mit persönlicher Kundenbetreuung zu tun. Und mit Vertrauen. Der Faktor Vertrauen ist – gerade in einem weitgehend digitalisierten Alltag – wichtiger denn je. Handel und Kreditgeschäfte sind ohne Vertrauen nicht denkbar. Dieser Aspekt gilt für die analoge Welt wie für die des digitalen Wandels. Es geht darum, Kunden in ihrer Lebenswelt abzu­holen, ihre Sorgen und Bedürfnisse ernst zu nehmen und bei Produktentwicklungen ­aufzugreifen.

_Sie sprechen von Vertrauen und digitalem Wandel. Ein großes gesellschaftlich und politisch diskutiertes Thema ist Künstliche Intelligenz. Welche Chancen eröffnen Verfahren wie Machine Learning und wie setzen Sie sie für Ihre Arbeit ein?

CATHARINA VAN DELDEN_ innosabi hat eine Künstliche Intelligenz entwickelt, die die Sprache der Innovation versteht. Wenn Menschen von ihren Ideen berichten oder Lösungen teilen, kommunizieren sie auf eine bestimmte Art – das betrifft die Wortwahl wie auch die vermittelten Emotionen. Unsere KI hilft, kluge Ideen zu identifizieren und riesige Datenmengen in wirklich nutzbare Insights zu verwandeln. Geht man davon aus, dass die Auswertung von Informationen immer mehr von KI übernommen wird, werden unsere „menschlichen“ Kompetenzen wie Kreativität oder das Denken „out of the box“ umso wichtiger.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Die SCHUFA bearbeitet bis zu einer Million Kreditanfragen pro Tag. Eine Auskunft zu Fragen der Identität, Bonität oder Betrugsprävention dauert nur Milli­sekunden: Ohne Digitalisierung würde dies nicht funktionieren. Inzwischen beantworten wir 99,7 Prozent aller Anfragen digital. Früher wurden noch etwa fünf Prozent manuell von Mitarbeitern beantwortet, das dauerte im Durchschnitt drei Minuten. Im heutigen Online-Handel ist das viel zu lange, der User würde den Bestellvorgang sofort abbrechen. Also trainieren wir die Maschinen mit dem Wissen unserer Spezialisten, sodass sie Anfragen eigenständig in Sekundenbruchteilen beantworten. Die Maschinen optimieren menschliches Know-how. Moderne, datenzentrierte Technologien wie Machine Learning helfen uns auch, Online-Betrug zu bekämpfen. Innovationen dürfen aber kein Selbstzweck sein, sie müssen immer dem Menschen dienen.

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