Innovation trifft Tradition

Technologische Innovationen und traditionelle Berufe stehen nicht im Widerspruch.
Ganz im Gegenteil: Neue, digitale Lösungen können Handwerk & Co. beflügeln. Fünf Experten aus verschiedenen Branchen zeigen, wie das geht.

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FOTOGRAFIE_ Michael Zellmer

DATUM_ 28. Juni 2019

Hristiyana Vucheva und Christian Hartung,
Gründer VOJD Studios, Berlin

Die Schmuckdesigner

„In unserem Studio gestalten wir luxuriöse Lifestyleprodukte – darunter Ketten, Ringe und individuellen Taschenschmuck. Unsere Auftraggeber sind die großen Mode­macher wie Alexander McQueen und Carolina Herrera. Dank 3D-Druck setzen wir kreative Entwürfe um, die
wir mit traditionellen Verfahren nur schwer realisieren könnten – und schon gar nicht wirtschaftlich. Das gilt vor allem für komplexe geometrische Formen. Am Anfang steht die klassische Skizze auf Papier, am Ende polieren wir mit der Hand, aber im Zentrum steht der automatisierte Druckprozess. Mit unseren eigens konfigurierten Geräten fertigen wir nahezu in einem einzigen Montageschritt und sparen uns damit die aufwendige Vorfertigung einzelner Elemente. Das hat viele Vorteile: Zum Beispiel haben die Produkte keine auffälligen Unebenheiten, die durch das Zusammensetzen verschiedener Teile entstehen. Dazu können wir bei großer Nachfrage leicht nachproduzieren. Als Rohstoff verwenden wir meist spezielle Keramikgemische, die wir durch die Kombination mit Leder, Holz, Glas oder Stein veredeln. Sogar personalisierte Stücke sind mit einem vergleichsweise geringen Aufpreis möglich. Wir ­bedienen damit einen Riesentrend.“

Jaqueline Fuhrmann,
Lehrerin, Erich-Gutenberg-Berufskolleg, Köln

Die Lehrerin

„Schon in der Schule sollten wir die junge Generation auf die sich stetig verändernde Berufswelt vorbereiten. An unserem Kolleg fokussieren wir dies unter anderem durch das Konzept ,Bring Your Own Device‘, also das Nutzen eigener Geräte. Dazu kommen kollaborative Online-Tools
und ein schulisches Intranet. QR-Codes auf Arbeitsblättern bieten Zusatzmaterialien und ermöglichen den Schülern, sich dem persönlichen Tempo entsprechend einem gemeinsamen Lernziel zu nähern. Dadurch nutzen sie mobile Geräte bewusster, setzen sie zielgerichteter ein und erarbeiten sich digitale Kompetenzen, mit denen sie viel besser auf die berufliche Zukunft vorbereitet sind. Für uns Lehrkräfte schafft das selbständige Arbeiten mehr Zeit. In der können wir genauer auf die individuellen Stärken und Schwächen der Schüler eingehen. Grenzen sind dabei natürlich auch wichtig: Nach wie vor legen wir für Diskussionsrunden oder Experimente die Laptops beiseite. Dann nutzen wir die Vorteile der Digitalisierung höchstens, um Ergebnisse schneller auszuwerten.“

Dr. Patrick Jahn,

Leitung Stabsstelle Pflegeforschung, Universitätsklinikum Halle (Saale)

Der Pflegeforscher

„Der demografische Wandel bringt künftig einen enormen Aufwand in der pflegerischen Versorgung mit sich. Daher testen wir, wie neue Technologien den Patienten und uns helfen können. Zwei erfolgreiche Studienobjekte heißen Pepper und Paro. Pepper ist ein humanoider Roboter, der Patienten eigenständig die Untersuchung im Magnetresonanztomografen erklärt – mit heller Stimme und einem Display. Er fragt zudem Vorerkrankungen ab und dokumentiert sie für das anschließende Facharztgespräch. Eine willkommene Ablenkung für die Patienten und eine echte Zeitersparnis für das Personal. Paro hingegen ist ein plüschtierartiger Emotionsroboter, der sich vor allem bei Demenzerkrankungen bewährt hat. Dank seiner akustischen, haptischen und optischen Sensoren inter­agiert Paro spielerisch mit Menschen – und das mit erstaunlichem Effekt. Die Patienten entspannen leichter und sind für das Personal besser zugänglich. ­Neben den Robotern testen wir auch innovative Exoprothesen, die Muskelimpulse aufnehmen und mit kleinen Motoren unterstützen. Bei Reha-Patienten mit Lähmungen setzen wir sie bereits erfolgreich ein, doch auch für Pflegekräfte sind sie interessant. Solche Neuerungen machen Mut, denn sie haben das ­Potenzial, die Pflegearbeit wirklich zu erleichtern.“

Gillian Adelson,
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Stadtbibliotheken Wiesbaden

Die Bibliothekarin

„Die Digitalisierung beeinflusst die verschiedenen Aufgabenfelder in den Bibliotheken – und damit auch meinen Beruf – schon seit ­einigen Jahren. Ich arbeite zum Beispiel mit einer Software, die über RFID-Codes unsere Bücher erkennt. So können Kunden an Verbuchungsanlagen selbständig Medien ausleihen und zurückgeben. Auch ist das Nachschlagen in großen digitalisierten ­Enzyklopädien und Medienarchiven ein echter Gewinn bei der Recherche. Beides verschafft mir mehr Zeit und gleichzeitig ­verlagern sich meine Tätigkeiten von der Einarbeitung der Daten hin zu mehr Beratung. Eine gute Sache, denn je mehr Tools ­hinzukommen, desto öfter muss ich Dinge erklären. Ein echtes Highlight sind, wie ich finde, die pädagogischen Zusatzan­gebote für junge Besucher. Das heißt, die Kleinen lauschen zum Beispiel tragbaren Lautsprechern in knalligen Farben, die ein Hörbuch vorlesen, sobald eine dazugehörige Spielfigur aufgesteckt wird. Außerdem hat sich die Bibliotheksführung für Schulklassen inzwischen zu einer digitalen Schnitzeljagd entwickelt. Mit Tablets und QR-Codes können Schüler die Räumlich­keiten spielerisch erkunden. Das kommt super an. Aber die neuen Technologien verändern nicht nur meine Arbeit, sondern auch die Bibliotheken an sich. Es gibt Vorreiterprojekte in Deutschland, in denen Besucher beispielsweise einen 3D-Drucker ausprobieren oder Programmier-Sets ausleihen können. So wird die Bibliothek als Lern- und Lesebereich erweitert um einen Raum für ­Ideen und kreativen Austausch.“

Horst Kohnke, Hauswart,
NEUE LÜBECKER Norddeutsche
Baugenossenschaft eG, Elmshorn

Der Hauswart

„Seit ich meinen Beruf vor fast 20 Jahren aufgenommen habe, hat sich die Tätigkeit massiv verändert. Damals habe ich täglich bis zu 20 Aufträge handschriftlich ausgefüllt. Hinzu kamen Handwerker­rechnungen, die ich kontrollieren, abstempeln und sortieren musste. Heute können Mieter Mängel rund um die Uhr über unser Mitglieder-Service-Portal melden, wir geben die Aufträge über unsere SAP-Plattform weiter. In einigen Wohnanlagen hängen Bildschirme, über die wir etwa Ansprechpartner oder Informationen über anstehende Reparaturen kommunizieren. Solche Neuerungen sparen nicht nur Papier, sondern erleichtern zudem die Arbeit. Auch andere Bereiche ­profitieren von digitalen Lösungen: Ein aktuelles Testprojekt ist die elektronische Wohnungsübergabe, die künftig komplett über das ­Tablet erfolgen soll. Dabei erhält der Mieter das Protokoll anschließend auf elektronischem Wege. Momentan untersuchen wir, ­welche Angaben dafür wirklich gebraucht und wie diese weiterverwendet werden. Alles in allem verbringe ich im Vergleich zu früher heute mehr Zeit an großen und kleinen Bildschirmen, dennoch ist der menschliche Kontakt sehr wichtig. Gerade älteren Leuten ­bedeutet ein persönliches Gespräch viel, daher bin ich ab und zu eine Art Seelsorger. Auch das bleibt ein Teil des Jobs.“

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