Chancen gestalten – Risiken vermeiden

Im Zuge der Digitalisierung unserer Gesellschaft gewinnt die Analyse von Daten in nahezu allen Lebensbereichen stetig an Bedeutung. Wie digitale Angebote unseren Alltag komfor­tabler gestalten und wie Verbraucher die Hoheit über ihre Daten behalten, diskutieren Professorin Dr. Lucia Reisch, Verhaltensökonomin an der Copenhagen Business School, und Dr. Michael Freytag, Vorstandsvorsitzender der SCHUFA Holding AG.

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FOTOGRAFIE_ Matthias Haslauer

DATUM_ 05. Juni 2018

_Online-Händler erstellen passgenaue Angebote, Mobilfunk- und andere Anbieter schicken standortbezogene Empfehlungen aufs Handy, Fitness-Apps erarbeiten personalisierte Trainingspläne. Die Speicherung, Verarbeitung und Auswertung personenbezogener Daten und großer Datenmengen ist in vielen Bereichen längst Alltag. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Angebote, die sich aus einer sinnvollen Nutzung von Daten ergeben, bereichern und erleichtern unser Leben – geschäftlich wie privat. Diese Entwicklung wird weiter voranschreiten. Die Herausforderung besteht darin, eine kluge Balance zwischen Chancen und Risiken herzustellen. Hier kann die SCHUFA einen wichtigen Beitrag leisten, denn Verbraucher und Unternehmen benötigen verlässliche Partner, die ihre Daten schützen und gesetzeskonform aufbereiten.

PROF. DR. LUCIA A. REISCH_ Ich habe zwei Perspektiven auf das Thema. Als Wissenschaftlerin bin ich begeistert von der verfügbaren Datenfülle, mit der wir wunderbar forschen können. Als Konsumentin mit wenig Zeit und hoher Mobilität freue ich mich über die Angebote, die meinen Alltag komfortabler gestalten. Allerdings hat diese „Convenience“ auch Schattenseiten: Man wird zum „gläsernen Menschen“ und immer leichter manipulierbar. Wir dürfen nicht nur den kurzfristigen Nutzen, sondern müssen auch die langfristigen Konsequenzen der Digitalisierung, beispiels­weise für die Demokratie, betrachten.

_Sie sprechen die Konsequenzen an, die die Nutzung von Daten hat. In diesem Zusammenhang ist oftmals die Rede von einer „Datenökonomie“, die entsteht. Was bedeutet das – und inwiefern verändern sich die Spielregeln in der Wirtschaft?

PROF. DR. Lucia A. REISCH_ Datenökonomie bedeutet, dass sich Industriegesellschaften zu Informationsgesellschaften wandeln, in denen Daten ganz neue Geschäftsfelder eröffnen. Die Geschäftsmodelle von Pionieren wie Google oder Facebook sind ungeheuer lukrativ und beruhen auf der Sammlung und Veräußerung von Kundendaten, mit denen man Rückschlüsse auf Einstellungen, Neigungen und auch Wünsche der Nutzer ziehen kann. Dieses Geschäft verläuft jedoch sehr einseitig, denn die User wissen meistens gar nicht, welche Daten abgegriffen, gespeichert, gebündelt und weiterverkauft werden, sie verlieren damit die Hoheit über ihre eigenen Daten und werden obendrein nicht am Gewinn beteiligt.

_Herr Dr. Freytag, die Auswertung von Daten ist auch für die Arbeit der SCHUFA zentral. Welche Rolle spielt das Unternehmen in einer zunehmend digitalisierten, datengetriebenen Wirtschaft?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Die SCHUFA stellt Vertrauen zwischen Geschäftspartnern her, gerade dann, wenn sie sich im anonymen Umfeld von Online-Anwendungen nicht mehr wie im stationären Handel persönlich begegnen. Auch im digitalen Distanzgeschäft ist Vertrauen die härteste Währung und ermöglicht Verbrauchern erst den Kauf auf Rechnung, der auch heute noch die häufigste Zahlungsart ist. Wir bereiten dafür blitzschnell Daten auf und geben Vertragspartnern mit unseren Prognosen eine Orientierungshilfe, um zu entscheiden, ob ein Geschäft zustande kommen sollte. Wir geben 400.000 Auskünfte am Tag jeweils innerhalb von weniger als einer Sekunde. In der digitalen Welt spielt aber nicht nur Schnelligkeit, sondern auch Genauig­keit und Zuverlässigkeit eine Rolle.

_Was genau meinen Sie damit?

DR. MICHAEL FREYTAG_ Ich meine damit Daten­schutz, Datensicherheit und Datenqualität – die seit unserer Gründung vor 91 Jahren das Fundament der SCHUFA sind. Auf diese Aspekte hin werden wir auch permanent durch die zuständige Aufsichtsbehörde überprüft. Wir haben zu 67,5 Millionen natürlichen Personen neben Name, Anschrift, Geburtsdatum und Geburtsort kreditrelevante Informationen gespeichert. Wichtig dabei: Zu über 90 Prozent dieser Personen liegen ausschließlich positive Informationen vor. Auf Basis dieser Daten können wir sehr präzise Prognosen zur Rückzahlungswahrscheinlichkeit von Krediten treffen. Das belegt die hohe Quote reibungslos zurückgezahlter Konsumentenkredite von 97,8 Prozent. Durch unsere Arbeit ermöglichen wir schnelle, unkomplizierte und sichere Geschäfte.

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.
PROFESSORIN DR. LUCIA A. REISCH
 

ist Verhaltensökonomin und Sozialwissenschaftlerin. Seit 2006 lehrt und forscht sie als Professorin für Konsumentenverhalten und Verbraucherpolitik an der Copenhagen Business School. Die gebürtige Stuttgarterin ist Vorsitzende des Sachverständigenrates für Verbraucherfragen der Bundesregierung und Mitglied im Verbraucherbeirat der SCHUFA. 2017 erhielt sie den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg.

»Prinzipiell sollte sich jeder Verbraucher einen Überblick über seine digitalen Daten verschaffen und sie selbst verwalten können. Einfache Handhabung, eine gute digitale Bildung und eine verbraucherfreundliche Regulierung können Nutzer zu ‚digitalen Souveränen‘ ihrer Daten machen.«

DR. LUCIA A. REISCH, VERHALTENSÖKONOMIN

 

_Stichwort Datenschutz: Geschäfte laufen ja schon längst nicht mehr nur innerhalb nationaler Grenzen ab. Seit dem 25. Mai 2018 gilt eine neue Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO), mit der die EU die Verarbeitung personenbezogener Daten in Europa einheitlich gestalten möchte. Was kann diese Verordnung leisten?

PROF. DR. LUCIA A. REISCH_ Ein wichtiger Aspekt ist, dass auch Unternehmen mit Hauptsitz außerhalb der EU der Verordnung unterliegen, sofern sie Daten von EU-Bürgern nutzen.
Das betrifft vor allem die bereits genannten Technologieunternehmen aus den USA.
Auch diese stärker zu regulieren, ist absolut richtig. Man muss allerdings unterscheiden zwischen der Regulierung einerseits und der Rechtsdurchsetzung andererseits. Gerade bei Letzterer muss auch nachgebessert werden.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Grundsätzlich ist zu begrüßen, dass wir jetzt eine europaweite Regelung haben, die auch in den Staaten geltendes Recht wird, die bisher beim Datenschutz im Vergleich zum hohen deutschen Standard Optimierungsbedarf hatten. Die DS-GVO ist an vielen Stellen jedoch allgemeiner gehalten als das bisher in Deutschland geltende Recht. Unser bisheriges Bundesdatenschutzgesetz war sehr präzise, Löschfristen beispielsweise waren eindeutig geregelt. Diese Rechtssicherheit muss nun erforderlichenfalls erst wieder hergestellt werden, zum Beispiel durch Vereinbarung eines Code of Conduct.

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.
DR. MICHAEL FREYTAG
 

ist seit 2010 Vorstandsvorsitzender der SCHUFA Holding AG mit Hauptsitz in Wiesbaden und Vizepräsident der Association of Consumer Credit Information Suppliers (ACCIS) in Brüssel. Der Jurist arbeitete als Corporate- und Investmentbanker, war Aufsichtsratsvorsitzender von ­Unternehmen verschiedener Wirtschaftszweige, Senator in Hamburg und Mitglied des Bundesrats der Bundesrepublik Deutschland.

»Ich bin überzeugt, dass das Management der eigenen Daten bald zum täglichen Leben gehören wird. Schon heute unterstützt die SCHUFA die Verbraucher dabei mit praktischen Lösungen.«

DR. MICHAEL FREYTAG, SCHUFA-Vorstandsvorsitzender

 

PROF. DR. LUCIA A. REISCH_ Deutschland hatte schon vor der DS-GVO ein vergleichsweise hohes Datenschutzniveau, da stimme ich Ihnen zu. Man hat mit der DS-GVO auf der einen Seite gewonnen, auf der anderen aber verloren – nämlich, wie Sie sagen, an Präzision. Dennoch: Den generellen Kurs der DS-GVO finde ich absolut richtig. Zusätzlich kann hoher Datenschutz „made in Germany“ ja auch ein Wettbewerbsvorteil sein. Die Datenökonomie ist bis heute doch noch kaum reguliert, eine strategisch ausgerichtete Datenpolitik steckt noch in den Kinderschuhen.

_Wir haben über Unternehmen und Gesetzesregelungen gesprochen. Wenden wir uns den Verbrauchern zu. Diese sehen einerseits die Nutzung großer Datenmengen unter dem Stichwort „Big Data“ eher skeptisch und haben Angst um ihre Privatsphäre. Gleichzeitig verhalten sie sich im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken, sehr sorglos.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Das Internet bietet so viele faszinierende Möglichkeiten, dass Nutzer häufig unvorsichtig handeln. Dabei ist der beste Datenschutz der sparsame Umgang mit Daten. Und ich habe die Hoffnung, dass das Bewusstsein dafür wächst – und für die Rolle der SCHUFA als auch in diesem Sinne vertrauenswürdige und hilfreiche Instanz.

PROF. DR. LUCIA A. REISCH_ Angesichts der jüngsten Facebook-Diskussion scheint das Risikobewusstsein tatsächlich zu wachsen. Es ist für mich aber fraglich, ob sich das wirklich in verändertem Verhalten niederschlägt. In der Wissenschaft sprechen wir von einem „Privacy Paradox“ – zwischen Einstellung und Verhalten klafft eine riesige Lücke. Im Sachverständigenrat für Verbraucherfragen der Bundesregierung beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema der digitalen Souveränität. Denn prinzipiell sollte sich jeder Verbraucher mit einem Klick einen Überblick über seine digitalen Daten verschaffen und sie selbst verwalten können – wenn er oder sie will, sollte er diese auch verkaufen und für einen guten Zweck spenden können. Gesundheitsdaten sind ein prägnantes Beispiel – wer darf darauf zugreifen, wer nicht? Für ein solches Datenmanagement braucht es zum einen digitale Bildung, und zwar von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter. Zum anderen muss man den Verbraucher auch technologisch befähigen, die Souveränität über seine Daten zurückzu­gewinnen.

2016 0 2025 25 50 75 100 125 150 175 Quelle: IDC/seagate 2017 16.1 163 Prognose zum Volumen der jährlich generierten digitalen Datenmenge (Zettabyte)

_Wie könnte das in der Praxis aussehen?

PROF. DR. LUCIA A. REISCH_ Ich lebe ja überwiegend in Dänemark: Dort hat jeder eine digitale Identität und kann über ein digitales Dashboard relativ gut seine Daten selbst verwalten. Ähnliches gibt es auch in Estland. Das sind sinnvolle Ansatzpunkte in Zeiten der Digitalisierung. Blockchain-Technologien scheinen in der Lage zu sein, solche riesigen Datenmengen sicher zu verwalten.

DR. MICHAEL FREYTAG_ Wir brauchen sinnvolle Angebote, die den Verbrauchern beim Datenmanagement helfen. Daher haben wir Produkte entwickelt, die Privatleuten neben dem ständigen Einblick in ihre SCHUFA-Daten auch die Möglichkeit bieten, sich über Anfragen und Änderungen des eigenen Datenbestandes informieren zu lassen. Per SMS erfährt der Verbraucher unmittelbar, wenn ein Unternehmen eine Anfrage zur eigenen Person stellt. Besteht zu der Firma kein Geschäftskontakt, kann das ein Hinweis auf Identitätsmissbrauch durch einen Dritten sein. Der Verbraucher ist gewarnt und kann entsprechend reagieren. Hier Transparenz zu schaffen und Verbraucher konkret zu unterstützen – das sehen wir als eine unserer zentralen Aufgaben an.

Zeitgenössische Malerei: Dr. Alexander Klar und Dr. Michael Freytag zwischen zwei Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 –1962). Links die „Komposition 133“ von 1942 und rechts die „Komposition 151“ von 1945/46.

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